Ein Zugpassagier zeigt am Bahnhof von Wuhan den QR-Code auf seiner Gesundheits-App | Bildquelle: AFP

Corona-Regeln in China Gegenseitige Kontrolle aus Tradition

Stand: 14.05.2020 08:25 Uhr

Auch wenn sich die Situation in China entspannt hat - gegen die Corona-Regeln sollte man nicht verstoßen. An Aufpassern mangelt es im Land nicht. Und inzwischen tragen auch Apps zur sozialen Kontrolle bei.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Keine Apartmentanlage in Peking ohne Wachpersonal, keine U-Bahn ohne einen sogenannten Baoan - einen Wachmann, der die Wagons auf und ab geht. In China sind Ordnungshüter unterschiedlicher Art omnipräsent, erst recht in Corona-Zeiten.

Wie vor einer Wohnanlage im Pekinger Stadtteil Chaoyang: Ein Mann aus der Provinz Jiangxi kommt mit dem Koffer vom Bahnhof. Ob er im Alltag jetzt rausgehen dürfe, fragt der Mann. Wenn er nichts zu erledigen habe, besser nicht, antwortet der Wachmann. Ob er denn wenigstens seine Paket-Lieferungen abholen dürfe? Kein Problem, lautet die Antwort. Danach fragt der eine Wohnblockwart den anderen, ob er auch die Temperatur des Mannes gemessen habe. Der bestätigt. In der Regel tragen die einfachen Ordnungshüter eine schwarze Uniform und eine rote Binde um den Arm.

"Das liegt in der Natur der Chinesen"

Ob das Tragen von Masken oder andere Corona-Regeln - die meisten halten sich an die Vorschriften, sagt die 32-jährige Ren Xiaoyao. "Das liegt in der Natur der Chinesen", erklärt sie. Seit Beginn der Epidemie hielten die Menschen sehr bewusst das ein, was der Staat fordere, zum Beispiel Desinfektionsregeln, Temperaturmessungen oder auch kein Eintritt ohne Ausweis. "Was die Regierung sagt, wird ausgeführt." Mit Hilfe von Nachbarschafts- und Wohnblockverwaltungen könne der Staat seine Politik effizient durchsetzen.

Historisch hat die soziale Kontrolle in China Tradition. Bereits unter Staatsgründer Mao Zedong gab es die Arbeitereinheiten, sogenannte Danweis. Jeder in China war einer solchen Arbeitereinheit unterstellt. Und die Danweis haben die Bürger im Sinne der Regierung kontrolliert, Verfehlungen wurden dokumentiert und bestraft.

Menschen mit Schutzmasken scannen vor einem Einkaufszentrum in Peking einen Gesundheitscode ein | Bildquelle: AFP
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Ohne die Gesundheits-App ist auch der Besuch im Einkaufszentrum nicht mehr möglich.

Der Spitzelstaat wird digital

Das Sozialpunkte-System, das seit einigen Jahren für Chinas Bürger im Aufbau ist, gilt Kritikern als die digitale Weiterentwicklung des Spitzel- und Überwachungsstaates. Da braucht es weniger leibhaftige Denunzianten. Überwacht wird bereits heute auch digital. Ein aktuelles Beispiel sind die vielen Gesundheits-Apps, die in China derzeit jeder im Alltag dabei haben muss. Verdächtige Bewegungsprofile oder Temperaturangaben führen dazu, dass die App nicht mehr auf Grün springt. Reisen oder nur ein Restaurantbesuch sind dann nicht mehr möglich.

Widerspruch dagegen gibt es kaum, sagt der 47-jährige Qin Yong. "In Deutschland können Regierung und Bevölkerung streiten, und dann kommt es darauf an, wer den Streit gewinnt. In Chinas Ein-Parteien-System müssen wir nur gehorchen." Aber auch in China ist die Bereitschaft einzelner vorhanden, mögliche Verfehlungen von Mitbürgern zu melden. Gerade in einer Krise wie jetzt, sagt die 23-jährige Zhou Hui. "Wenn jemand dort, wo ich häufig bin, die Regeln nicht einhält, würde ich ihn schon denunzieren. Denn wenn ein bestätigter Corona-Fall auftaucht, wird das Leben von allen unbequem. Es ist deshalb für den Betroffenen und alle anderen gut, wenn ich das mache."

Zur besseren Orientierung hat Pekings Stadtregierung jetzt einen Katalog mit Verhaltensweisen veröffentlicht, die sie künftig im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus ahnden möchte. Und da muss nicht nur zahlen, wer keine Maske trägt, sondern auch wer sich ohne Shirt in der Öffentlichkeit zeigt oder im Restaurant vom selben Teller isst. Der neue Verhaltenskatalog tritt zum 1. Juni in Kraft.

Corona-Regeln in China: Wie soziale Kontrolle funktioniert
Axel Dorloff, ARD Peking
14.05.2020 08:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 14. Mai 2020 um 06:08 Uhr.

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