Zwei Chinesen mit Mundschutz | Bildquelle: REUTERS

Corona in China Das Misstrauen sitzt tief

Stand: 29.03.2020 13:27 Uhr

Die Provinz Hubei ist nicht länger abgeriegelt, doch normal ist hier noch lange nichts. Viele Chinesen sehen in den Landsleuten aus Hubei potenzielle Virus-Überträger. Steffen Wurzel über Tumulte an den Provinzgrenzen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Nach der Lockerung von Bewegungs- und Reisebeschränkungen in der chinesischen Provinz Hubei ist es am Wochenende zu heftigen Tumulten an der Grenze zu einer der Nachbarprovinzen gekommen.

Schauplatz der Unruhen ist eine Brücke, die die beiden Provinzen Hubei und Jiangxi verbindet. Auf diversen Online-Videos von Augenzeugen ist zu sehen, wie Hunderte Menschen eng gedrängt beieinander stehen, sich anbrüllen und teilweise auch Gewalt anwenden. So stoßen aufgebrachte Menschen einen Polizeitransporter um, andere beschädigen Streifenwagen mit Fußtritten.

Auch Polizisten beteiligt

Nach Berichten der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post" waren nicht nur normale Bürger an den Tumulten beteiligt, sondern auch Polizisten aus den beiden angrenzenden Provinzen. Hintergrund war ein Streit über die angeordnete Öffnung der Provinzgrenze. Nach Augenzeugenberichten  hatten Polizisten aus Jiangxi versucht, die Brücke zu blockieren. Sie wollten so offenbar verhindern, dass Menschen aus der wochenlang abgeriegelten Provinz Hubei ungehindert und unkontrolliert über den Grenzfluss kommen.

Inzwischen sollen die Behörden beider Seiten eine Lösung gefunden haben. Bemerkenswert ist, dass auch staatliche chinesische Medien über die Auseinandersetzungen berichten. Die zur regierenden Kommunistischen Partei gehörende Zeitung "Renmin Ribao" räumt ein, dass es noch Probleme gebe bei der Rückkehr zur Normalität. Sie rief die Bewohner anderer Landesteile auf, Menschen aus der Provinz Hubei nicht zu diskriminieren.

Kein Vertrauen in Peking

Das dürfte jedoch ein frommer Wunsch sein: Vielerorts in China sitzt das Misstrauen gegenüber Menschen aus der zentralchinesischen Provinz tief. Nach wie vor gelten Bürger aus Hubei als vermeintliche Coronavirus-Ansteckungsgefahr. Von Wuhan, der Hauptstadt Hubeis, hatte sich das neuartige Corona-Lungenvirus Ende Dezember ausgebreitet: zunächst in China und dann weltweit.

Chinas Staats- und Parteiführung meldet seit Tagen nur noch niedrige Neuinfektions-Zahlen. Der Großteil der neuen Corona-Fälle sei aus dem Ausland eingeschleppt. Zahlreiche Experten halten die offiziellen Zahlen der kommunistischen Staatsführung allerdings für falsch und nach unten frisiert. Weil es in China keine Opposition, keine echte Zivilgesellschaft und keine freie Presse gibt, findet eine offene Debatte über die Statistiken aber nicht statt. Überprüfbar sind die Zahlen nicht.

Chaos und Tumulte nach Lockerung der Beschränkungen in Hubei
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
29.03.2020 14:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 29. März 2020 um 12:39 Uhr.

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