Spaziergängerin in Melbourne | Bildquelle: AFP

Corona-Pandemie in Australien "Wir können den Lockdown nicht beenden"

Stand: 06.09.2020 12:58 Uhr

Der Premierminister des australischen Bundesstaates Victoria, Andrews, verteidigt die Corona-Ausgangsbeschränkungen. Victoria ist der Bundesstaat mit den meisten Infektionen und den meisten Todesfällen.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Südostasien

"Achtet die Menschenrechte" und "Freiheit" riefen die Demonstranten. Gerade mal 300 waren es - in der Mehrheit Impfgegner und Anhänger von Veschwörungstheorien - doch in Australien lösten sie großes Aufsehen aus. Denn Menschenansammlungen sind wegen des strikten Lockdowns im Bundesstaat Victoria verboten. Immerhin trugen die meisten Demonstranten Masken. Die Polizei ging mit aller Härte gegen die illegalen Proteste vor. Es gab zahlreiche Festnahmen.

Festgenommener Demonstrant in Melbourne | Bildquelle: AFP
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Die australische Polizei nahm zahlreiche Demonstranten fest

Kritik an Polizeieinsätzen

Auch wenn die Mehrheit der Australier die Maßnahmen gegen die Pandemie mitträgt: Es hatte vergangene Woche harsche Kritik an der Polizei gegeben wegen der Festnahme einer schwangeren Frau, die online zu Verstößen gegen die Corona-Beschränkungen aufgerufen hatte. Im Schlafanzug war sie vor laufenden Kameras abgeführt worden. Am Freitag verschafften sich die Beamten gewaltsam Zugang zur Wohnung eines bekannten Verschwörungstheoretikers.

"Der einzige Kampf ist der gegen das Virus"

Diese Proteste seien unsicher, unklug und sie verstießen gegen das Gesetz, erklärte Daniel Andrews, der Premierminister von Victoria: "Tatsächlich ist es absolut egoistisch, da draußen zu sein und zu protestieren. Der einzige Kampf, den wir derzeit führen sollten, ist der gegen das Virus. Lasst uns nichts tun, dass diese Strategie gefährdet. Nichts, das dazu führt, dass die Zahl der Corona-Erkrankungen weiter ansteigt statt zu sinken."

Victorias Premierminister Andrews | Bildquelle: JAMES ROSS/EPA-EFE/Shutterstock
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Premier Andrews nennt die Proteste gegen den Lockdown unsicher und unklug.

Explosionsartiger Anstieg der Neuinfektionen

Anfang Juli hatte es so ausgesehen, als habe Australien die Pandemie im Griff - die Rückkehr zur Normalität war beschlossene Sache, die Zahl der täglichen Neuinfektionen bewegte sich im einstelligen Bereich. Und stieg dann explosionsartig auf mehrere hundert neue Fälle pro Tag. Ausgangspunkt dieser zweiten Welle waren mehrere Sozialwohnungskomplexe mit Tausenden Mietern in und um Melbourne.

"Keine Alternative zum Lockdown"

70 Prozent aller insgesamt gut 26.000 Corona-Erkrankungen in Down Under und 90 Prozent aller 750 Todesfälle entfallen heute auf den Bundesstaat Victoria - die Grenzen zu den Nachbarprovinzen sind dicht. Es herrscht ein strikter Lockdown und eine absolute nächtliche Ausgangssperre. Dazu gebe es keine Alternative, betonte Victorias Premier: "Wir können den Lockdown nicht beenden. Wir würden dann ziemlich sicher in eine dritte Welle rennen und es würde sehr schnell einen neuen Lockdown geben. Ich möchte, dass wir ein Weihnachten feiern, das so nah wie möglich an der Normalität ist. Diese Maßnahmen sind der einzige Weg, um zu diesem Punkt zu gelangen."

Anti-Lockdown-Demonstration in Melbourne | Bildquelle: AP
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Menschenansammlungen sind während des Lockdowns eigentlich verboten.

Immerhin: Kleine Erleichterungen soll es vom kommenden Sonntag an geben. Statt einer sind dann zwei Stunden Sport im Freien täglich erlaubt, und die Ausgangssperre gilt erst ab 21 Uhr. Ein Ende der Beschränkungen ist bislang nicht in Sicht. Die Grenzen zu den Nachbarstaaten sollen bis mindestens Dezember geschlossen bleiben. In Folge der Pandemie erlebt Australien die schlimmste Wirtschaftskrise seiner jüngeren Geschichte. Aber zunächst, so Premier Andrews, müsse die Gesundheitskrise gelöst werden, bevor man beginnen könne, die Wirtschaft zu reparieren.

Lockdown geht weiter - Demo in Melbourne gegen Corona Maßnahmen
Holger Senzel, ARD Singapur
06.09.2020 13:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 06. September 2020 um 12:16 Uhr.

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Holger Senzel, NDR

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