Bei einer kenianischen Arbeiterin wird vor Dienstbeginn Fieber gemessen | AFP
Reportage

Corona-Krise in Afrika Kommt der Hunger vor dem Virus?

Stand: 12.04.2020 08:38 Uhr

Die Corona-Pandemie könnte Afrika bald besonders hart treffen: In der Krise werden Lebensmittel für Millionen Menschen unerschwinglich, bekannte Schutzmaßnahmen laufen auf dem Kontinent ins Leere.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

"Mein Safari-Geschäft läuft gerade nicht", sagt Unternehmer Pankaj Shah. "Da dachte ich, ich kann mich anders nützlich machen." Jetzt steht er auf der Terrasse eines geschlossenen Kindergartens in Nairobi, vor ihm drei Reihen leerer Kartons, die seine Ehrenamtler langsam füllen: Maismehl, Weizenmehl, Zucker, Bohnen, Kochöl. "Alles, damit es für eine Familie reicht", sagt Pankaj. "Und das frische Gemüse kommt auch gleich." Achthundert Pakete läßt Pankaj täglich ausliefern - alles Spenden, sagt er.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Wie die Corona-Krise in Afrika aussieht, ist für Europäer zunächst nicht leicht zu verstehen: In Kenia sind nur etwa 200 Corona-Fälle registriert, in ganz Afrika nicht mal 15.000 Fälle. Doch viele Regierungen haben so wie die kenianische frühzeitig die Bewegung ihrer Bürger eingeschränkt. Berechtigt ist die Angst, die maroden Gesundheitssysteme könnten unter der Last der kranken Massen zusammenbrechen.

Kaum jemand hat Rücklagen

Eine Behandlung auf der Intensivstation können sich ohnehin nur die Wohlhabenden leisten. Die meisten Menschen - weit mehr als die Hälfte der Einwohner - arbeiten hier aber im sogenannten informellen Sektor, das heißt ohne festen Arbeitsvertrag und für wenig Geld. Sie sind Taxifahrer, Straßenverkäufer oder Haushaltshilfe.

Von ihnen hat kaum jemand Rücklagen. Wer nicht arbeitet, kann bald schon seine Familie nicht ernähren. Nicht nur das: Während die Einkommen sinken, steigen die Preise - so ist das in Krisenzeiten.

"Sonst haben wir für unser Gemüse immer 20 Schilling bezahlt", sagt Anne Owiso Osire - das sind umgerechnet knapp 20 Cent. "Jetzt ist es dreimal soviel. Aber soviel habe ich jetzt vielleicht gar nicht." Sie lebt in Kibera, einem der größten Slums Afrikas. Gerade wird sie von einer NGO-Helferin über die Benutzung von Seife und fließendem Wasser aufgeklärt. Beides ist wichtig gegen die Corona-Epidemie, beides kostet aber Geld - und das hat im Elendsviertel niemand.

Spendenkartons werden gepackt | Norbert Hahn

Helfer packen Spendenkartons mit Lebensmitteln, die in Kiberia verteilt werden sollen. Bild: Norbert Hahn

"Die Leute verstehen die Krise nicht"

Die kenianische Regierung erlässt Ausgangssperren und Distanzgebote, sonst gibt es ein paar Steuererleichterungen - aber viele zahlen eben keine Steuern, weil sie kaum etwas verdienen.

Die Regierung präsentiere keine echten Lösungen für die drängenden Probleme, spottet Wirtschaftswissenschaftler David Ndii vom Institut Africa Economics: "Ich sehe, wie diese Leute die Geige fideln, während Rom brennt." Er schlägt einen Fond für Bedürftige vor - Geld, das zurückzuzahlen wäre, wenn es wieder besser läuft. "Die Leute verstehen die Krise nicht wirklich: In einem Monat schon könnte es kein Essen mehr im Supermarkt geben", erklärt er.

Fast 20 Millionen Jobs auf dem Kontinent könnten verschwinden, wenn die Lage anhält, heißt es in in einer neuen Studie der Afrikanischen Union. Die ohnehin klammen Länder Afrikas könnten fast ein Drittel ihrer Steuereinnahmen verlieren.

Und noch eine Zahl: Nach einer neuen Schätzung der London School of Tropical Medicine könnte Afrika in einem guten Monat schon 450.000 Corona-Infizierte zählen - 30-mal so viele wie heute.

Unternehmer Pankaj in Schutzausrüstung | Norbert Hahn

Unternehmer Pankaj Shah kann es sich leisten, Schutzausrüstung zu tragen. Bild: Norbert Hahn

Tränengas trieb die Hilfesuchenden auseinander

Auf einem Fußballplatz in Kibera angekommen stellt Pankaj Shah den Pkw ab und wartet im schneeweißen Schutzanzug auf den Lastwagen, der 200 Pakete für die Ärmsten bringen soll. "Wir brechen ab", sagt er plötzlich zu seinen Helfern. Die Zahl der Hilfesuchenden ist jetzt auf geschätzte 4000 Menschen gestiegen, auf dem engen Platz könnten Menschen im Gedränge zu Schaden kommen. Bei einer der letzten Verteilungen musste die Polizei sogar Tränengas gegen die von Not und Verzweiflung getriebenen Massen einsetzen.

Father Isaac mit Spendenempfänger | Norbert Hahn

Father Isaac, der Vorstand einer katholischen Kirchengemeinde in Gachie, mit dem Empfänger einer Lebensmittelspende. Bild: Norbert Hahn

Shah, Hindu mit indischen Wurzeln, lässt nun in einer katholischen Kirchengemeinde in Gachie ausladen, einem armen Vorort von Nairobi. Vater Isaac nimmt die Spenden entgegen. "Viele sind hier alt und krank. Das wird ihnen sehr, sehr helfen", sagt er. Er lächelt und reicht gleich drei der Pakete weiter - einige Senioren warten schon seit dem Morgen.

Shahs Job ist für heute erledigt, der Lkw leer. Weit mehr Pakete wird es aber brauchen, damit alle Armen Nairobis nicht hungern müssen - und die Reichen weiter ruhig schlafen können.

Über dieses Thema berichtete SWR 2 am Morgen am 03. April 2020 um 06:00 Uhr.