Hygienevorkehrungen vor einem Gottesdienst in Lagos/Nigeria | Bildquelle: AFP

Corona-Pandemie Kommt Afrika glimpflich davon?

Stand: 20.08.2020 17:23 Uhr

Betrachtet man die Infektionszahlen, scheint die Corona-Pandemie in großen Teilen Afrikas glimpflich zu verlaufen. Experten rätseln, woran das liegt - und warnen vor weiteren Folgen der Krise.

Von Christian Baars und Joel ‘Kachi Benson, NDR

Spätestens am 24. Februar erreicht das Virus Nigeria, an Bord eines Flugzeugs. Ein italienischer Geschäftsmann ist infiziert. Es ist der erste nachgewiesene Corona-Fall in einem afrikanischen Land südlich der Sahara.

Damit hätten sie nicht gerechnet, sagt Chikwe Ihekweazu. Er ist der oberste Seuchenbekämpfer Nigerias, Chef des dortigen Centre of Disease Control (CDC). Im Februar habe noch jeder nur nach China geschaut, sagt Ihekweazu. Jeder, der von dort nach Nigeria einreiste, sei von oben bis unten untersucht worden. "Und nun war der erste Fall ein Italiener", sagt der CDC-Chef.

Ihekweazu war selbst gerade erst aus China zurückgekehrt. Er ist weltweit einer der renommiertesten Experten für Infektionskrankheiten und war der Teil der offiziellen Mission der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die im Februar den Ausbruch vor Ort untersucht hat. In Wuhan hatte er gesehen, wie ein bestens ausgestattetes Gesundheitssystem kollabiert ist.

Alle internationalen Flughäfen geschlossen

Nigeria reagierte schnell nach dem ersten Fall, verschärfte sofort die Einreisekontrolle - und schloss am 23. März sogar alle internationalen Flughäfen des Landes für Monate. "Ich denke, es war wohl zu spät", sagt Ihekweazu. Viele Reisende hätten das Virus da bereits ins Land gebracht.

Ein Luftbild der nigerianischen Stadt Lagos
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Fünf Wochen lang sollten die mehr als 20 Millionen Einwohner von Lagos ihre Häuser möglichst nicht verlassen.

Anfangs hatten sie noch versucht, mit den üblichen Maßnahmen das Virus einzudämmen. "Wir haben ja hier viel Erfahrung mit Krankheitsausbrüchen", sagt Ihekweazu. Lassa-Fieber, Ebola, Gelbfieber, Cholera - all das musste er in den letzten Jahren managen. "Aber das hier war etwas völlig anderes", so Ihekweazu.

Strenger Lockdown in Lagos

Die nigerianische Regierung entschloss sich zu einem radikalen Schritt. Ende März verhängte sie eine Ausgangssperre für Teile des Landes, darunter Lagos, eine der größten Städte der Welt mit mehr als 20 Millionen Einwohnern. Auf einmal waren die Straßen hier leer. Auch viele andere afrikanische Länder reagierten schnell und teils strikter als in Europa. Manche sogar, bevor überhaupt die ersten Fälle gemeldet wurden, sagt Jürgen May, Epidemiologe am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg. Das sei ein Vorteil gewesen im Kampf gegen das Virus.

Doch in Nigeria wurde auch schnell deutlich, dass man den strengen Lockdown nicht lange würde durchhalten können. Denn wer zu Hause blieb, verdiente kein Geld, und ein Sozialsystem wie Deutschland gibt es in Nigeria nicht.

Moruf Abdul-Salam etwa war nach einigen Wochen verzweifelt. Der 36-jährige lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Lagos. Er ist Toningenieur und verleiht Verstärker für Partys und Großveranstaltungen. Doch wegen Corona war alles abgesagt. "Ich weiß, dass zuhause bleiben und Abstand halten das Beste ist, um Corona zu bekämpfen, aber unsere Regierung sollte uns mit Essen unterstützen, sodass wir alle in dieser Pandemie überleben können", sagte er damals.

Moruf Abdul-Salam steht in seiner Werkstatt
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Moruf Abdul-Salam verdient normalerweise Geld mit dem Verleih von Musik-Equipment.

Hunger und Kriminalität nahmen zu

Es gab zwar Unterstützungsaktionen, Nahrungspakete für einige der Ärmsten, aber viel zu wenig, um alle satt zu bekommen. "Wir mussten Nachbarn und Familie um Essen bitten, um überleben zu können", sagt Abdul-Salam. Die Sorge vor einer Hungersnot wuchs und auch die Kriminalität. Die Regierung lockerte deshalb die Maßnahmen schrittweise ab Anfang Mai.

Überraschenderweise stiegen auch dann die Corona-Fälle nicht an. Ähnlich sieht es in fast allen anderen Ländern südlich der Sahara aus. Nur in Südafrika sind die Infektionszahlen hoch. In den anderen mehr als 50 Ländern sind zusammen gerechnet bis Mitte August offiziell nur etwas mehr als 300.000 Menschen an Covid-19 erkrankt und weniger als 7000 gestorben. "Wir wissen nicht genau, woran das liegt", sagt Ihekweazu. Es gebe viele Faktoren, die eine Rolle spielen könnten.

Sehr wenige Corona-Tests

Möglicherweise bleiben viele Fälle schlicht unentdeckt. Nigeria hatte zu Beginn der Pandemie kaum Labore, die Tests auf das Virus durchführen konnten. Die Seuchenschutzbehörde CDC baute die Kapazitäten zwar aus, doch noch immer sind sie sehr dürftig. Innerhalb eines halben Jahres, bis Mitte August, wurden in Nigeria insgesamt etwa 350.000 Tests gemacht - so viele wie derzeit in Deutschland etwa in einer halben Woche. Viele andere afrikanische Länder haben ebenfalls kaum Testmöglichkeiten. Möglicherweise sind also viel mehr Menschen infiziert als offiziell bekannt.

Dennoch scheinen zumindest bislang vergleichsweise wenige an dem Coronavirus zu sterben. Zwar berichten Medien immer mal wieder von einzelnen Regionen, in denen plötzlich auffällig viele Todesfälle auftreten - so etwa in Kano, im Norden Nigerias. Aber insgesamt beobachten Behörden und Experten keinen starken Anstieg. Wissenschaftler rätseln nun, woran das liegt.

Wenige Todesfälle wegen junger Bevölkerung

Eine mögliche Erklärung dafür ist die junge Bevölkerung. In Nigeria etwa liegt das Durchschnittsalter bei 18 Jahren. "Wir haben einfach nicht so viele alte Menschen in unserer Gesellschaft", sagt Ihekweazu. "Darauf sind wir nicht stolz, aber es ist einfach so." Hinzu komme, dass die Älteren nicht in Seniorenheimen leben würden - wo es ja in Europa Zehntausende Todesfälle gegeben hat.

Ein anderer Grund könnte sein, dass viele Menschen in Afrika möglicherweise ein stärkeres Immunsystem haben, da sie wesentlich häufiger mit Infektionen zu tun haben. Zudem gebe es weniger Zivilisationskrankheiten wie etwa hoher Blutdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, sagt der Epidemiologe May - und damit auch weniger Menschen, die besonders gefährdet sind.

Es drohen fatale Langzeitfolgen

Dennoch befürchten er und andere Experten, dass die Pandemie in Afrika noch fatale Folge haben kann - und zwar indirekt, aufgrund der Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus. "Das haben wir bei dem Ebola-Ausbruch auch gesehen, dass die Sekundärfolgen sehr groß sind und oft größer als die Probleme der Epidemie selbst", sagt May.

Die Bedrohung durch andere Krankheiten wächst, weil Versorgungsketten und Vorsorgeprogramme unterbrochen sind. "Rund ein Viertel der Menschen, die mit HIV leben, haben Probleme mit dem Zugang zu den nötigen Medikamenten", sagt May. "Durch Covid-19 könnten tatsächlich alle Bemühungen zum Scheitern gebracht werden, die es in den letzten Jahren bezüglich Malaria, HIV, Tuberkulose-Bekämpfung gab." Die Vereinten Nationen warnen zudem, dass die Zahl der Menschen, die an Hunger leiden sprunghaft steigen könnte.

Regierungen in der Zwickmühle

May befürchtet, dass die Maßnahmen gegen das Coronavirus in Afrika Millionen zusätzlicher Tote zur Folge haben könnten. Aber man wisse es nicht genau. Deshalb sieht er die Länder in einer Zwickmühle. Sie könnten ja auch nicht einfach die Pandemie laufen lassen. Man werde wohl erst in ein paar Jahren schlauer sein, müsse aber jetzt reagieren. Insofern stehe Afrika vor dem gleichen Problem wie der Rest der Welt, sagt May: "Soll man mehr machen, soll man weniger machen? Man kann es nicht voraussehen."

Anmerkung der Redaktion:

In einer früheren Version des Textes hieß es, Nigeria habe in einem halben Jahr so viele Tests durchgeführt wie Deutschland derzeit an einem halben Tag. Das ist falsch. Richtig ist, dass es etwa so viele sind wie in Deutschland derzeit in einer halben Woche (bzw. an drei Tagen) durchgeführt werden. Laut Robert-Koch-Institut waren es hier in der Kalenderwoche 33 rund 875.000 Tests und 730.000 in der Vorwoche. In Nigeria wurden bislang laut dem dortigen CDC insgesamt (bis zum 20.8.) etwa 360.000 Tests durchgeführt.

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