Irakische Schulkinder | Bildquelle: AFP

Christen im Nahen Osten Massenflucht aus der Heimat

Stand: 24.12.2017 13:04 Uhr

Von Jahr zu Jahr verlassen mehr orientalische Christen ihre angestammte Heimat. Dies zeigt sich besonders stark im Irak und Syrien. Auch im Heiligen Land sind die Christen immer stärker marginalisiert. Bislang ist kein Ende des Prozesses in Sicht.

Von Ulrich Pick, SWR

Vor rund 100 Jahren lag der Anteil der Christen im Nahen Osten noch bei rund 20 Prozent. Heute, so sagen Experten, seien es vielleicht fünf Prozent oder sogar noch weniger. Von den weltweit 35 Millionen Christen, deren Muttersprache Arabisch ist, soll nicht einmal mehr die Hälfte im Orient leben. Zwar gibt es kaum exakte Zahlen, doch wer die einzelnen Länder unter die Lupe nimmt, bekommt diese Tendenz bestätigt.

Christen in Erbil, Irak | Bildquelle: AP
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Flüchtlingslager für vom IS vertriebene Christen im irakischen Erbil.

Flucht aus Irak und Syrien

Seit dem Jahr 2003, als die US-Amerikaner Saddam Hussein stürzten und das Land innerlich zerbrach, haben drei Viertel der Christen den Irak verlassen. In der Mitte und im Süden des Landes gibt es mittlerweile fast keine Gemeinden mehr. "Die Zahlen vor 2003 schwanken zwischen einer und eineinhalb Millionen Christen, momentan geht man davon aus, dass bestenfalls noch 300.000 Christen dort leben", sagt Dirk Ansorge, Theologe an der Jesuiten-Hochschule in Frankfurt-Sankt Georgen. "Die große Mehrheit von ihnen lebt in den Kurdengebieten Nordiraks."

Ähnlich prekär ist die Situation in Syrien. Hier lebten vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges im Frühjahr 2011 rund zwei Millionen Christen. Mittlerweile sind die meisten von ihnen nach Jordanien, in den Libanon oder nach Europa geflohen. Zumeist hilflos standen sie zwischen dem Assad-Regime auf der einen und islamistischen Kämpfern auf der anderen Seite. "Unsere Partner berichten von einer Auswanderung beziehungsweise Vertreibung der Christen zwischen 30 und 50 Prozent", berichtet Johannes Seibel, der Pressesprecher der katholischen Hilfsorganisation "Missio". Doch es sei sehr schwer, verlässliche, absolute Zahlen zu bekommen.

Ein Junge steht vor einem Auto in Erbil. | Bildquelle: AP
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Von der IS-Terrormiliz vertrieben, leben sie nun in einem Flüchtlingslager in Erbil.

Ein Junge fährt auf seinem Fahrrad durch ein Flüchtlingslager. | Bildquelle: AP
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Drei Viertel der Christen haben seit dem Sturz Saddam Husseins den Irak verlassen.

Auswanderungsbestreben im Heiligen Land

Auch in Israel und Palästina ist die Lage der Christen schwierig. Zwar müssen sie nicht um Leib und Leben fürchten, doch sie sind auf dem schleichenden Rückzug. Neueste Umfragen besagen, dass jeder Vierte von ihnen mit einer Auswanderung liebäugelt. "Es gibt in Städten wie Bethlehem, Nazareth und Jerusalem nach wie vor eine christliche Präsenz, doch es gibt keine Orte mehr mit christlicher Bevölkerungsmehrheit", erklärt Theologe Ansorge. Insgesamt belaufe sich der Anteil der Christen in Israel und Palästina auf weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung.

Gerade zu Weihnachten zeigt sich nach Ansicht von Petra Bosse-Huber, der Auslandsbischöfin der EKD, der Exodus der Christen aus ihrer geschichtlichen Heimat besonders schmerzhaft. Denn die Feier der Geburt Jesu in Bethlehem mache deutlich, welch große Bedeutung die Region des Nahen Ostens für sie  habe: "Alle Christen in der Welt haben hier ihre Wurzeln. Hier stand die Wiege des Christentums. Oder anders gesagt: Hier stand einmal die Krippe mit dem Jesuskind."

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Pessimistischer Blick in die Zukunft

Ein zusätzliches Problem für die orientalischen Christen ist die mangelnde Zusammenarbeit untereinander. Da man über Jahrhunderte - gerade im Osmanischen Reich - in quasi geschlossenen Gesellschaften lebte, tun sich die Mitglieder der syrisch-orthodoxen, armenisch-apostolischen, assyrischen und griechisch-orthodoxen Kirchen heute schwer, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Eine Ökumene wie in Deutschland ist für die Christen im Nahen Osten nicht alltäglich. Die entscheidende Frage allerdings ist, wie hiesige Christen mit ihren orientalischen Glaubensgeschwistern umgehen sollen. Lädt man sie angesichts ihrer schwierigen Lage ein, nach Europa zu kommen oder unterstützt man sie, in ihrer nahöstlichen Heimat zu bleiben? Die meisten Experten plädieren für eine Hilfe vor Ort im Orient. Doch ihr Blick in die Zukunft ist pessimistisch. Dass die Zahl der Christen im Orient wieder steigen wird, glaubt kaum jemand. Eher dürfte das Gegenteil eintreten.

Irakische Schulkinder | Bildquelle: AFP
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Neue Heimat Jordanien: Christliche Schülerinnen in Amman. Ihre frühere Heimat, den Irak, haben sie verlassen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Dezember 2017 um 15:00 Uhr in einem Schwerpunkt.

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