Der CHP-Politiker Muharrem Ince vor einer Türkei-Flagge | Bildquelle: REUTERS

Kandidat der türkischen CHP Der Mann, der Erdogan schlagen soll

Stand: 04.05.2018 13:35 Uhr

Die CHP ist die größte Oppositionspartei der Türkei. Nun ist klar, mit wem sie bei der Wahl gegen Erdogan antritt: Muharrem Ince. Wer ist der Mann? Und wie sind seine Chancen?

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Schon am späten Abend twitterte Muharrem Ince ein Foto seiner Familie mit dem Satz: "Wir sind bereit."

Kurz zuvor hatte ihn die Fraktion der Republikanischen Volkspartei einstimming als Präsidentschaftskandidaten nominiert, bevor ihn am Vormittag Parteichef Kemal Kilicdaroglu offiziell als Herausforderer von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vorstellte: "Ein ehemaliger Lehrer möchte die Probleme des Landes lösen. Er ist entschlossen und überzeugt. Ein alter Lehrer und gegenwärtiger Politiker ist er." Der ehemalige Physiklehrer und frühere Fraktionsvorsitzende tritt am 24. Juni gegen Erdogan an.

Ein überzeugter Kemalist

Ince, der heute seinen 54. Geburtstag feiert, stammt aus der westtürkischen Provinz Yalova und bezeichnet sich selbst als Dörfler. Die Provinzhauptstadt Yalova ist Partnerstadt von Bad Godesberg bei Bonn. Ince gilt als überzeugter Kemalist, hat aber auch einen Zugang zu religiös-konservativen Menschen. In Zukunft wolle er Präsident aller Bewohner der Türkei sein, sagte Ince.

"Am 24. Juni werde ich mit Gottes Hilfe und dem Willen des Volkes Staatspräsident werden. Und ich werde nicht nur der Präsident aller Republikaner sein, sondern aller 80 Millionen Bürger - auch der Präsident aller AKP-Wähler, MHP-Wähler, HDP-Wähler, aller Rechten und Linken, Kurden und Türken, Alewiten und Sunniten - der Präsident Aller."

Scharfzüngige Reden im Parlament

Symbolisch entfernte Ince nach 39-jähriger CHP-Mitgliedschaft sein Parteiemblem vom Revers. Parteichef Kilicdaroglu befestigte an der selben Stelle ein Anstecknadel mit der türkischen Flagge.

Im Parlament fiel Ince bisher vor allem durch scharfzüngige Reden auf. Auch heute ging er mit Staatspräsident Erdogan hart ins Gericht. Dabei gelang es ihm, zumindest das Parteipublikum zu begeistern: "Ich gehe davon aus, dass wir im Wahlkampf auf den Plätzen über Wirtschaft, Außenpolitik, Agrarpolitik und Bildung reden werden. Aber sollte die AKP eine Schlammschlacht bevorzugen: Das kann ich auch!"

Parteichef wird Konkurrenten los

Auch wenn er seinen Wahlkreis mehrfach gewonnen hat, ein Siegertyp ist Ince nicht unbedingt. Zweimal hatte er sich erfolglos um den Vorsitz seiner Partei beworben, zuletzt im Februar. Mit Inces Nominierung entledigt sich Parteichef Kilicdaroglu eines unliebsamen Konkurrenten in den eigenen Reihen.

Trotzdem sei Ince eine gute Wahl, meint Fikret Bila, Kolummnist der Zeitung "Hürriyet". Ince sei ein guter Redner, er könne die Mengen mitreißen mit seiner volksnahen Wortwahl. Die CHP-Mitglieder hätten von Anfang an einen Kandidaten aus der eigenen Partei haben wollen, sagt Kolumnist Bila unter Verweis auf Umfragen. "Muharrem İnce ist von Beginn CHP'ler. Ich denke, die Partei hat sich deshalb für ihn entschieden."

Fünf gegen Erdogan

Mit Ince treten vier Kandidaten gegen Präsident Erdogan an: Die Vorsitzende der neugegründeten nationalkonservativen Iyi-Partei, Meral Aksener, der inhaftierte ehemalige Co-Vorsitzende der pro-kurdischen HDP, Selahattin Demirtas, und der wohl eher chancenlose Chef der religiösen Saadetpartei, Temel Karamollaoglu.

Eine Stichwahl wird damit wahrscheinlich. Sie würde am 8. Juli stattfinden, also zwei Wochen nach dem Wahltermin am 24. Juni. Die Türken wählen in diesem Jahr erstmals Präsident und Parlament am selben Tag. Anschließend soll das umstrittene Präsidialsystem in Kraft treten. Es verleiht dem Präsidenten deutlich mehr Macht als bisher.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Mai 2018 um 10:00 Uhr.

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