Hong-Kong-Bar von außen | Bildquelle: Barbara Jung

75 Jahre "Chinesenaktion" der Gestapo Das Ende von Hamburgs Chinatown

Stand: 13.05.2019 05:30 Uhr

In den 1940er-Jahren gab es in Hamburg ein lebendiges Chinesenviertel - bis zu einer brutalen Razzia der Gestapo im Jahr 1944. Einziges Überbleibsel ist die "Hong-Kong"-Bar in St. Pauli.

Von Barbara Jung und Simona Dürnberg, NDR

Samstagnachmittag. Strahlender Sonnenschein. Doch davon bekommt Marietta Solty in ihrer schummerigen "Hong-Kong"-Bar nichts mit. Die Kneipe unweit der Hamburger Reeperbahn ist gut gefüllt, der Alkoholpegel bei den Gästen ist hoch. Ruhig aber bestimmt managt die 77-Jährige die Wünsche , während sie Schwarz-Weiß-Fotos und vergilbte Dokumente auf dem Tresen ausbreitet. "Das sind mein Vater und ich auf einem Pass", sagt Solty. Ein gelbes Dokument mit chinesischen Schriftzeichen, darauf ein Stempel: "Hamburg."

75 Jahre "Chinesenaktion" der Gestapo
tagesthemen 22:45 Uhr, 12.05.2019, Barbara Jung, Simona Dürnberg, NDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Mariettas Vater, der Kantonese Chong Tin Lam, war 1926 als Seemann in die Hansestadt gekommen - wie Hunderte andere Chinesen auch. Sie ließen sich unweit des Hamburger Hafens in St. Pauli nieder, eröffneten Restaurants, Geschäfte, Wäschereien. Ein kleines Chinatown entstand.

Marietta Solty in ihrer Hong-Kong-Bar. | Bildquelle: Barbara Jung
galerie

Marietta Solty führt die Hong-Kong-Bar und steht auch mit 77 Jahren noch fast täglich hinterm Tresen. Ihr Vater Chong Tin Lam hatte die Bar 1938 übernommen.

Verfolgung der Chinesen nach Kriegserklärung

Den Hamburger Behörden jedoch waren die Männer aus Asien ein Dorn im Auge. Sie vermuteten Opiumhandel und zwielichtige Geschäfte, meist zu Unrecht. Nach der Kriegserklärung Chinas an Nazi-Deutschland 1941 nahm die Verfolgung der Chinesen ein bedrohliches Ausmaß an.

Dass sich deutsche Frauen auf chinesische Männer einließen und mit ihnen Kinder bekamen, habe schließlich die nationalsozialistische Rassenpolitik auf den Plan gerufen, erzählt der Hamburger Historiker Lars Amenda. Die gemeinsamen Kinder galten als "Bastarde", da sie nicht "arisch" waren.

S-W-Foto von Marietta mit ihrem Vater | Bildquelle: Barbara Jung
galerie

Am 13. Mai 1944 wurden Mariettas Vater und mehr als hundert andere Chinesen bei der sogenannten "Chinesenaktion" von der Gestapo verschleppt.

Ohne Schutz im Bombenkrieg

So erging es auch Marietta Solty. Ihre Geburt im Jahr 1942 fiel in die Zeit des Bombenkriegs. Bei den Angriffen durften die Chinesen nicht in die Bunker. Sie mussten im Eingang bleiben. Für sie als Kind sei das wie "Weihnachten" gewesen, sagt Solty. Es habe immer "so schön bunt geflimmert".

Ihrem Vater war die Gefahr weit mehr bewusst. Wie viele andere Familien brachte er seine Tochter raus aus der Stadt, nach Heidelberg. Und ersparte ihr damit womöglich viel Leid.

Vater Marietta | Bildquelle: Barbara Jung
galerie

Chong Tin Lam war bis Kriegsende in mehreren Arbeitslagern, wurde schwer misshandelt. Als einer von wenigen Chinesen blieb er nach dem Krieg in Hamburg.

Vorwurf: Feindbegünstigung

Am 13. Mai 1944 eskalierte die Verfolgung in der sogenannten "Chinesenaktion". 200 Beamte der damaligen Polizei und der Gestapo stürmten am frühen Morgen die Chinatown. Sie verhafteten rund 130 Chinesen. Der Vorwurf lautete Feindbegünstigung.

Unter den Verhafteten war auch Chong Tin Lam. Er wurde wie viele andere in ein Arbeitserziehungslager gesteckt und misshandelt. Ihr Vater sei danach nicht mehr derselbe gewesen, sagt Marietta: "Früher war er lebenslustig und aufgeschlossen, jetzt zog er sich vollkommen zurück, traf sich mit niemandem mehr."

Ausweis Vater als ehemaliger politischer Gefangener | Bildquelle: Barbara Jung
galerie

Chong Tin Lam hat um Wiedergutmachung gekämpft, aber keine erhalten. Die "Chinesenaktion" wurde als "gewöhnlicher polizeilicher Vorgang" eingestuft.

Ein zweites Mal gedemütigt

Eine Entschädigung oder Wiedergutmachung für die Zeit in Haft erhielt Chong Tin Lam nie, auch wenn er jahrelang dafür gekämpft hatte. Die"Chinesenaktion" wurde wie ein gewöhnlicher polizeilicher Vorgang behandelt und nicht als rassistisch motiviert anerkannt.

Darin sieht Historiker Amenda einen Fehler: "Anhand der Dokumente, die überliefert sind, lässt sich ganz klar erkennen, dass sich die Gestapo-Beamten als eine Art Rassekrieger empfunden haben und die NS-Rassenpolitik auch gegenüber den Chinesen durchsetzen wollten." Die "Chinesenaktion" nicht als Verfolgung anzuerkennen, habe die Opfer ein zweites Mal gedemütigt.

Aufsteller Erinnerung Chinatown Hamburg. | Bildquelle: Barbara Jung
galerie

Neben der Hong-Kong-Bar erinnert heute dieser Aufsteller an das damals lebendige und kulturell vielseitige "Chinesenviertel" mitten in St. Pauli.

Wütend über wiederaufkeimenden Rassismus

Mindestens 17 Chinesen starben an den Folgen des Gestapo-Terrors und der Zwangsarbeit in Arbeitslagern. Die Überlebenden kehrten Deutschland nach Kriegsende mehrheitlich den Rücken. Chong Tin Lam blieb und baute die "Hong-Kong"-Bar wieder auf. Seit seinem Tod 1983 führt Tochter Marietta die Kneipe weiter. Heute ist sie mit 77 eine der ältesten Kneipenchefinnen auf St. Pauli.

Dass ihr Vater keine Wiedergutmachung erhalten hat, damit hat sie sich mittlerweile abgefunden. Aber etwas anderes macht sie wütend: der wiederaufkeimende Rassismus. In ihrer Bar sei sie ganz nah dran, habe den Eindruck, dass es immer schlimmer werde: "Die Menschen haben nichts dazu gelernt, ich mache mir Sorgen, allein wegen meiner Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder."

Sie sieht neben Politik und Schule vor allem die ältere Generation in der Pflicht, den jungen Leuten zu erzählen, was damals war. Deswegen erzähle sie ihre Geschichte immer wieder. Damit sie sich nicht wiederholt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Mai 2019 um 22:45 Uhr.

Darstellung: