Tiananmen-Platz in Peking | Bildquelle: WU HONG/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ein Land - eine Uhrzeit Ganz China tickt wie Peking

Stand: 30.03.2019 10:53 Uhr

Schulbeginn um 10:30 Uhr im Westen, Sonnenuntergang um 15:00 Uhr im Osten. Dass das Riesenland China nur eine Zeitzone kennt, hat historische Gründe und für die Menschen im Alltag Folgen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Kurz nach Mitternacht auf einem Imbiss-Markt in der Stadt Xishuangbanna, ganz im Südwesten von China. Entlang einer kleinen Straße verkaufen Händler Fleischspieße und gegrilltes Gemüse. Drumherum sitzen gutgelaunte Menschen auf bunten Plastikhockern und trinken Bier. Morgen ist zwar ein Werktag, aber das macht den Menschen hier im Südzipfel der chinesischen Provinz Yunnan ganz offensichtlich nichts aus.

"Wir stehen hier mit unserem Stand abends und nachts", erzählt eine Verkäuferin. "Mein Mann und ich machen sehr spät Feierabend, um 4:00 Uhr morgens. Oft stehen wir erst am Mittag auf. Die Leute hier lieben das Nachtleben."

"Wir führen hier natürlich ein komplett anderes Leben"

Was auch daran liegt, dass es hier im Vergleich zu anderen Landesteilen Chinas abends erst relativ spät dunkel und kalt wird. Rein geografisch gesehen müssten Yunnan und andere Teile Westchinas eigentlich in einer ganz anderen Zeitzone liegen als der Osten des Landes. "Oben, im Nordosten Chinas, ist es eben andersherum: Im Winter wird es dort schon um drei Uhr Nachmittags dunkel. Wir führen hier natürlich ein komplett anderes Leben", berichtet die Verkäuferin.

Nur ein paar Kilometer entfernt vom Nachtmarkt im chinesischen Xishuangbanna liegt Myanmar. Im Nachbarland ist es anderthalb Stunden früher, auch Indien ist nicht weit entfernt, nach dorthin beträgt der Zeitunterschied sogar zweieinhalb Stunden.

Xinjiang im Westen Chinas | Bildquelle: dpa
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Xinjiang im Westen Chinas. Wegen der Zeitzonen-Problematik beginnt die Schule hier erst um 10:30 Uhr.

Uhr auf einen Schlag um dreieinhalb Stunden zurückstellen

Eine Zeit für das ganze Land - so ist die Regel in China. Nicht nur in Peking, sondern auch in den Tausende Kilometer weit entfernten westchinesischen Regionen wie Yunnan, Tibet und Xinjiang. Dort macht sich die Zeitzonen-Problematik besonders krass bemerkbar: Wer von Xinjiang aus die Landesgrenze ins Nachbarland Afghanistan überquert, muss seine Uhr auf einen Schlag um dreieinhalb Stunden zurückstellen. Daran sieht man: Chinas Westen verdient eigentlich eine eigene Zeitzone.

"In unserer Schule richteten wir uns früher immer nach der offiziellen Peking-Zeit," erinnert sich Xu Jianling, der heute in Shanghai lebt, aber in Xinjiang zur Schule gegangen ist. "Eigentlich hatten wir aber immer zwei Zeiten im Kopf: Schulbeginn für uns war immer 10:30 Uhr Pekinger Zeit. Unter uns sprachen wir aber von 8:30 Uhr echter Zeit. Nicht nur Schüler machen das in Xinjiang so, sondern auch Arbeiter und Angestellte."

Symbolisch wichtig für die Staatsführung

Dass das Riesenland China nur eine Zeitzone hat, hat historische Gründe: "Früher, während der Kulturrevolution in den 1960er- und 1970er-Jahren, hatte in China kaum jemand eine Uhr," erklärt Zhang Hong, Soziologe an der Shanghaier Tongji-Universität.

"Die über das Radio angesagte Zeit war damals entscheidend. Und dieser eine Satz: 'So und so viel Uhr Peking-Zeit' - das war ein symbolisch enorm wichtiger Satz für den zentralistischen Allmachtsanspruch der Staats- und Parteiführung. Egal ob im Osten, Westen, Süden oder Norden: Ganz China tickt wie Peking."

Das ganze Land tickt wie Peking: China hat nur eine Zeitzone
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
30.03.2019 10:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2019 um 08:39 Uhr.

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