Anwohner der zentralchinesischen Provinz Henan auf einer überfluteten Straße | VIA REUTERS

Überflutungen in China Todesangst in der braunen Brühe

Stand: 21.07.2021 14:22 Uhr

In China hat das schwerste Unwetter seit Jahrzehnten für massive Überflutungen gesorgt. In der Provinz Henan wurden viele Menschen in Autos und Gebäuden von den Wassermassen eingeschlossen. Staatschef Xi versprach Hilfe.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Gestern Abend in Zhengzhou im chinesischen Landesteil Henan. Menschen stehen an der Treppe einer U-Bahn-Station. Sie klatschen, als endlich Feuerwehrleute ankommen und die Treppen herunterrennen in Richtung U-Bahn-Schacht - um den Frauen, Männern und Kindern zu helfen, die dort in überfluteten Waggons ausharren in Todesangst. Denn die braune Brühe steht ihnen zum Teil bis zur Schulter.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

"Festklammern, um nicht weggespült zu werden"

"Da war so viel Wasser, viele wurden einfach weggespült", sagt ein Passagier im staatlichen Fernsehen, nachdem er sich aus der U-Bahn-Station ins Freie gerettet hat. "Wir standen im Wasser, auch ein Kind war dabei, und wir waren nach kurzer Zeit so erschöpft, dass wir beinahe aufgegeben hätten. Wir haben uns an die Haltegriffe geklammert. Meine Arme sind voller Blutergüsse. Wir mussten uns mit aller Kraft festklammern, um nicht weggespült zu werden."

Der Mann erzählt dem Fernsehreporter all das halbnackt. Denn weil ihn seine nassen Klamotten herunterzogen in der volllaufenden U-Bahn, musste er sie und seinen Rucksack wegwerfen. Er zog sich fast vollständig aus - bis auf seine Unterhose.

Zahlreiche Tote durch die Fluten

Auch Autofahrer und Bewohnerinnen und Bewohner zahlreicher Häuser in Zentralchina wurden von den Wassermassen überrascht und eingeschlossen. Innerhalb rund einer Stunde hatte es gestern so viel geregnet wie sonst statistisch gesehen in einem halben Jahr. Vielerorts ist die Wasser- und Stromversorgung ausgefallen.

Bislang kamen insgesamt mindestens 25 Menschen in den Fluten um - unter anderem in der rasend schnell vollgelaufenden U-Bahn in Zhengzhou. Sieben Menschen würden vermisst, teilten Funktionäre auf einer Pressekonferenz mit. Doch dabei wird es nicht bleiben. Und weil die Medien in China nicht frei berichten können, sind die genannten Opferzahlen oft zweifelhaft. Denn diese müssen von den Behörden abgesegnet werden.

Fahrzeuge stehen in der zentralchinesischen Provinz Henan auf einer überfluteten Straße | AFP

Fahrzeuge wurden in der zentralchinesischen Provinz Henan von den Fluten mitgerissen. Bild: AFP

Bisher 200.000 Menschen in Sicherheit gebracht

Allerdings wurden nach Angaben verschiedener Behörden inzwischen rund 200.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Die Zahl der insgesamt von den Überflutungen Betroffenen ist deutlich höher. Allein in der besonders betroffenen Stadt Zhengzhou leben mehr als zehn Millionen Menschen, also etwa so viele wie in Niedersachsen und Hamburg zusammengerechnet. Entsprechend gehen die Sachschäden in Milliardenhöhe.

Betroffen von Starkregen und Überflutungen ist auch der chinesische Landesteil Innere Mongolei. Nach unbestätigten Medienberichten sind dort zwei Staudämme gebrochen. In den betroffenen Regionen sind Tausende Feuerwehrleute und Soldaten sind im Einsatz.

Xi spricht von "sehr ernster Lage"

Der Klimaexperte im China-Büro von Greenpeace, Li Shuo, sagte dem ARD-Hörfunk: "Sowohl in Europa, vor allem in Deutschland, als auch in Henan in China sehen wir dieser Tage diese Überflutungen. Diese Extremwetterlagen erinnern uns nochmal daran, wie dringend es ist, etwas gegen Klimawandel zu unternehmen. Der beste Wirkstoff gegen den Klimawandel weltweit ist es, sich mit der Energiewende zu beeilen, um den Ausstoß von CO2 zu reduzieren."

Am Vormittag ließ sich auch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping zu den Fluten zitieren. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich Xi nur sehr selten zum Tagesgeschehen in seinem Land äußert. In einer Mitteilung sprach Chinas Staatschef von einer sehr ernsten Lage. Er versprach umfassende Hilfe der Behörden.

China mit der Provinz Henan und der Stadt Zhengzhou

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Juli 2021 um 12:00 Uhr.