Eine Frau demonstriert die Beweglichkeit eines Roboters der US-Firma Rethink Robotics, die auf dem chinesischen Markt vertreten ist. | Bildquelle: picture alliance/AP Photo

Bewertungssystem in China Eine Schulnote für jede Firma

Stand: 28.08.2019 09:03 Uhr

Von 2020 an will China auch seine Wirtschaft per Sozialkreditsystem regulieren: Firmen, die gegen Auflagen verstoßen, werden abgewertet. Die meisten ausländischen Unternehmen sind nicht vorbereitet.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Es ist die Idee für eine bessere Moral in der Wirtschaft: Alle verfügbaren Informationen zu einem Unternehmen werden vom Staat gesammelt und zusammengetragen. Es gibt Minuspunkte und Pluspunkte, jedes Unternehmen erhält einen Punktestand.

Auch jetzt schon gibt es in China eine Vielzahl einzelner Ratings in der Wirtschaft, aber nächstes Jahr soll alles in einem Datensatz zusammenlaufen. Chinas Sozialkreditsystem für Unternehmen ist dann Realität, sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking. Die Kammer hat jetzt gemeinsam mit der Firma Sinolytics eine Studie veröffentlicht. Titel: "Die digitale Hand".

"Das Neue ist die Kybernetik der ganzen Angelegenheit: das Zusammenfassen von Informationen, die eh schon bestehen, also im Steuerwesen, beim Zoll, bei den Umweltbehörden", sagt er. "Und das wird jetzt nicht nur von Fall zu Fall bewertet, sondern man ist praktisch am Ende des nächsten Jahres als Firma mit einer Note wie in der Schule bewertet."

Wer sich an Regeln hält, wird belohnt

Diese Note ist dann Grundlage für alles, was ein Unternehmen auf dem chinesischen Markt macht: Ob es überhaupt operativ tätig sein darf, wie hoch die Zinssätze bei der Bank sind, welche Auflagen es beim chinesischen Zoll gibt oder wie die Chancen bei Vergabeverfahren sind.

Wer sich an Regeln hält, wird belohnt. Wer aber gegen Umweltauflagen verstößt, Steuern hinterzieht oder bei der Korruption erwischt wird, bekommt Probleme. Bis hin zum Geschäftsverbot. Das Ziel: Markt und Wirtschaft sollen besser werden.

Handelskammerpräsident Wuttke kann das Vorgehen verstehen: "Sie wollen das benutzen, um ihre Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Das ist ein Versuch, den Markt - also uns und unsere Unterlieferanten - dazu zu bringen, sich an die Gesetze zu halten. Im Grunde ein ganz smarter Ansatz, aber er hat viele Fallstricke." Wie das System umgesetzt werde, bleibe abzuwarten.

Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China
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Jörg Wuttke, EU-Handelskammerpräsident in China, warnt: Auch deutsche Firmen sind im Unklaren darüber, was auf sie zukommt.

"Im Grunde genommen sind alle Firmen blind" 

Und genau da liegt das Problem: Niemand weiß genau, wie China das Sozialkreditsystem für Unternehmen konkret umsetzen wird. Bislang mangelt es an Informationen und Transparenz der chinesischen Regierung.

Die meisten ausländischen Unternehmen seien unvorbereitet, sagt Wuttke: "Im Grunde genommen sind alle Firmen blind. Das ist unglaublich, was die Thematik angeht - und bei dem Einfluss, den das auf das zukünftige operative Geschäft hat. Es ist ja unglaublich, dass wir 1600 Mitglieder bei der EU-Kammer haben und vielleicht zehn davon wissen und sich jetzt aktiv vorbereitet haben. Und wenn Sie die Amerikaner, Franzosen und Japaner fragen: Die wissen zum Teil gar nicht von was Sie reden." 

Merkel wird Wertungssystem ansprechen

Die Unsicherheiten sind groß, auch unter deutschen Unternehmen. Die Deutsche Handelskammer in China hat unter ihren Mitgliedern eine Umfrage gemacht. Danach sind sieben von zehn deutschen Unternehmen nicht mit dem chinesischen Scoring-System vertraut.

Die Deutsche Kammer fordert deshalb von der chinesischen Regierung, möglichst schnell und umfassend zu informieren. Ein Anliegen, dass auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Peking tragen wird. Die kommt Ende nächster Woche zum Staatsbesuch nach China.

Chinas Sozialkreditsystem - Europäische Unternehmen schlecht vorbereitet
Axel Dorloff, ARD Peking
28.08.2019 08:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. August 2019 um 07:17 Uhr.

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