Das chinesische Raumlabor "Tiangong 1" umkreist die Erde | Bildquelle: dpa

"Tiangong-1" außer Kontrolle Vom Himmelspalast zum Sternschnuppenregen

Stand: 30.03.2018 21:16 Uhr

Die Raumstation "Tiangong-1" war Chinas erster Außenposten im All. Nun stürzt sie ab, über Ostern erreicht sie die Atmosphäre. China beruhigt: Es werde nur einen prächtigen Sternschnuppenregen geben.

Von Jan Friese, WDR

Einige Bauteile aus Titan oder Edelstahl könnten den feurigen Ritt beim Wiedereintritt überstehen. Zwischen 1,5 und drei Tonnen Material könnten so den Boden erreichen, schätzen Experten. Nach mehr als sechs Jahren im All ist es ein wenig ruhmreiches Ende für Chinas "Tiangong-1".

Tiangong bedeutet so viel wie Himmelspalast. Das klingt nach einem prachtvollen Ort, fern vom tristen, irdischen Treiben. Die Realität ist wesentlich schmuckloser. "Tiangong-1" ist kein Palast, sondern eine ziemlich kleine Raumstation. Sie besteht lediglich aus zwei röhrenförmigen Modulen, eines für Versorgungstechnik, eines für den Aufenthalt von zwei Taikonauten - so werden Raumfahrer in China genannt.

Zwei große Flügel mit Solarzellen gewinnen den notwendigen Strom aus Sonnenergie. Alles zusammen ist sie kaum größer und schwerer als ein Umzugs-Lkw oder Schulbus. Zum Vergleich: Die Internationalen Raumstation ISS hat mit zahlreichen Labor- und Forschungsmodulen, Fracht- und Wohnräumen und einer eigenen Aussichtsplattform die Ausmaße eines Fußballfeldes und kommt auf mehr als 450 Tonnen Gewicht.

Aufstieg und Fall einer Raumstation

"Tiangong-1" war eine kleine Raumstation, aber ein großer Schritt für Chinas Raumfahrt. Sie diente China auch dazu, das An- und Abkoppeln von Raumkapseln und Modulen zu trainieren. Solche Kopplungsmanöver sind entscheidend, wenn man ins Weltall vorstoßen will.

Im März 2016 riss allerdings die Funkverbindung zu "Tiangong-1" ab, die Station ließ sich nicht mehr anheben oder steuern und sank immer weiter ab. Wo genau die Überreste von "Tiangong-1" niedergehen, lässt sich nur schwer berechnen.

Die europäische Weltraumorganisation ESA, die US-amerikanische NASA und Chinas CNSA berechnen seit Wochen die möglichen Eintrittsfenster. Weltraumradare wie das TIRA (Tracking and Imaging Radar) in Wachtberg bei Bonn verfolgen die Flugbahn der Station.

Letzter Halt unbekannt

Über Deutschland werden keine Trümmer niedergehen, das ist sicher. Chinas Raumstation zieht wesentlich weiter südlich ihre sinkende Bahn um die Erde. Der Streifen erstreckt sich zwischen 43 Grad nördlicher und 43 Grad südlicher Breite. Deutschland liegt weiter nördlich. Die Überreste von "Tiangong-1" könnten aber über den USA, Südamerika, Australien, Indien, Saudi Arabien, Afrika oder über Südeuropa niedergehen. Prinzipiell wäre fast jeder Ort südlich vom französischen Marseille möglich.

Die Menschheit kann fast sekundengenau berechnen, wann eine Raumsonde einen fernen Planeten erreicht oder ein Satellit über dem Horizont erscheint. Aber unkontrollierte Abstürze aus dem All sind nicht so gut planbar, Absturzort und Zeit kaum genau zu berechnen.

Das chinesische Raumlabor "Tiangong 1" umkreist die Erde | Bildquelle: AP
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Das Raumlabor "Tiangong 1" wurde im September 2011 ins All geschossen.

Denn "Tiangong-1" umkreist die Erde mit rund 29.000 Kilometern pro Stunde, zwanzigmal schneller als jeder Düsenjet. Hält sich die Station nur minimal länger als erwartet oben, hat sie dann schon Hunderte bis Tausende Kilometer zurückgelegt und zieht schon über einen anderen Kontinent hinweg.

Beim Wiedereintritt dringt die Station in tiefere und immer dichtere Luftschichten vor, wird stark abgebremst. Die Reibungshitze lässt sie glühen. Die Lufthülle zerrt und reißt an der Konstruktion. Die Station gerät ins Trudeln. Die Flugbahn ändert sich.

Zuerst reißen die großen und fragilen Flügel mit den Solarzellen ab und verglühen. Weitere Verbindungstellen brechen, immer mehr Trümmerteile entstehen. Die meisten verglühen, einige erreichen den Erdboden.

Viel Weltraumschrott, geringe Gefahr

Normalerweise werden ausgediente Satelliten, Raumstationen und Co. in einen so genannten Friedhofsorbit gelenkt oder mit dem letzten Treibstoff ganz gezielt zum Absturz gebracht, so dass sie im Meer verschwinden. Bei "Tiangong-1" wurde dieser Zeitpunkt allerdings verpasst.

Das Risiko, das einem ein kosmisches Schrottteil aus Titan- oder Edelstahl auf den Kopf fällt, kann aber trotzdem als ziemlich gering eingestuft werden. Jährlich kommen nach Schätzungen von Experten, 60 bis 80 Tonnen Weltraumschrott zurück zu Erde, verletzt oder gar getötet wurde nach Angaben der ESA davon bisher noch niemand.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2018 um 18:07 Uhr.

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