Siedlung mit Solaranlagen in Anlong im Südwesten Chinas | Bildquelle: AFP

Klimagipfel in Bonn China stürmt und drängt

Stand: 14.11.2017 15:44 Uhr

Auf dem Klimagipfel in Bonn drängt China auf zählbare Fortschritte. In der Technologie-Entwicklung für erneuerbare Energien scheint das Land regelrecht an die Weltspitze zu stürmen. Dennoch ist die CO2-Emission im Land zuletzt wieder um 3,5 Prozent gestiegen.

Von Birand Bingül, WDR

Es ist in letzter Zeit viel zu lesen über die "grüne Großmacht" China, dem rasanten Umbau der chinesischen Energieversorgung und den kernigen Ankündigungen zum Klimaschutz des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Doch der erste Kontakt mit China auf dem Klimagipfel in Bonn fällt ernüchternd aus.

Bei der chinesischen Delegation in der Bula Zone 3 - Bula Zone werden die Konferenzbereiche genannt, in denen die Verhandlungen stattfinden - herrscht geschäftiges Treiben. Ob ein Interview möglich ist? Eine freundliche Dame verweist auf einen Aushang. Man könne eine E-Mail mit Fragen schicken. Dann komme eine Mail zurück mit Hinweis auf eine Pressekonferenz. Morgen oder übermorgen. Dort würden die Fragen beantwortet. Vielleicht, schiebt sie nach und lächelt.

Blockade auf Gipfel verhindert

So zugeknöpft der Umgang mit Medien ist, so hervorgehoben und konstruktiv ist die Rolle Chinas in Bonn. Das Land hat im Verbund mit anderen großen Druck auf die Industrieländer aufgebaut. Sie sollen vor 2020 ihr Klimaengagement erhöhen. Die bisherigen Verhandlungen in Bonn verliefen allerdings zäh. Was einige Länder veranlasste zu drohen. Das Motto ist offenbar: Wenn die nicht Gas geben, müssen wir das auch nicht.

China, das in einer Gruppe von Schwellenländern wie Indien, Saudi-Arabien und Iran mitverhandelt, erklärte, dass es keine Blockade bei den Klimazielen wolle. Damit sprach es ein Machtwort. Eine Entscheidung ist damit nun erst einmal auf das Ende der Woche verschoben, wenn die Delegationschefs über die strittigen Fragen verhandeln.

Chinesischer Pavillon | Bildquelle: Birand Bingül (WDR)
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Der chinesischer Pavillon auf dem der Klimagipfel in Bonn. Das Land hat von Januar bis September 2017 allein in der Solarenergie Kapazitäten von 42,3 Gigawatt aufgebaut - so viel wie in Deutschland insgesamt aus Solarkraft produziert wird.

Machtvakuum und Zukunftstechnologien

"In den Klimaverhandlungen war China immer sehr zögerlich und zurückhaltend. Jetzt sind sie eine der Triebkräfte weltweit", sagt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch. Aber woher stammt der Sinneswandel in dem Land? Chinas grünes Engagement zahle sich mehrfach aus, so Bals. Die Luftverschmutzung sei Todesursache Nummer eins, dem wolle die Regierung entgegenwirken. Wirtschaftlich entwickele China sich weg von Billigprodukten für den Weltmarkt zu Zukunftstechnologien, die ein positives Image bringen.

Und nicht zuletzt gibt es eine politische Chance: Während die US-Regierung unter Präsident Trump daran zweifelt, dass der Klimawandel menschengemacht ist, nutzt China das daraus entstehende machtpolitische Vakuum auch in den Verhandlungen in Bonn.

Bals sagt: "Früher hatte der Westen die moralische Führung inne. Sie war verbunden mit der Frage der Menschenrechte. Plötzlich stehen die USA zurück, und China kann zusammen mit Kanada und einigen europäischen Ländern eine Führungsrolle in der Klimafrage  übernehmen." Diese Chance habe China "begeistert" ergriffen.

Massive Änderungen für die Industrie

Politik hat viel mit Symbolen zu tun. So ist nicht zu unterschätzen, dass China außerhalb der Verhandlungszone den Pavillon direkt neben Co-Gastgeber Deutschland betreibt. Da die chinesische Industrie enorm viel Energie frisst, will China hier massive Änderungen herbeiführen. In den ersten neun Monaten seien in China 390.000 Elektrofahrzeuge verkauft worden, berichtet Ouyang Haoming vom chinesischen Industrieministerium. Im selben Zeitraum wurden in Deutschland etwa 16.000 solcher Fahrzeuge zugelassen.

Im Gespräch mit tagesschau.de sagt Haoming: "Unser Ziel für 2020 lautet: Wir wollen hundert grüne Industrieparks gründen, tausend grüne Fabriken und wir wollen zehntausend grüne Produkte wie Kühlschränke oder Klimaanlagen haben. Wir wollen eine komplett grüne Herstellung erreichen."

Dass China es ernst meint, ist unter Fachleuten unstrittig. China hat nach eigenen Angaben von Januar bis September 2017 allein in der Solarenergie Kapazitäten von 42,3 Gigawatt aufgebaut. Zum Vergleich: Die installierte Netto-Leistung zur Stromerzeugung durch Solaranlagen in Deutschland liegt nach neusten Zahlen des Fraunhofer-Instituts bei 42,4 Gigawatt. Mit anderen Worten: China wird allein in diesem Jahr mehr Solaranlagen aufbauen als in Deutschland insgesamt stehen.

Angestellte einer Photovoltaic-Firma in der chinesischen Stadt Jingzhou überprüfen Solarpanäle. | Bildquelle: REUTERS
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Angestellte einer Photovoltaic-Firma in der chinesischen Stadt Jingzhou überprüfen Solarpanäle. China hat sich zum größten Produzenten von Solarmodulen entwickelt.

Energiewende mit vollem Schwung

"Es ist unglaublich, was hier passiert. China geht die Energiewende mit vollem Schwung an", sagt Frank Haugwitz. Und er muss es wissen. Er arbeitet seit 2002 im Bereich erneuerbarer Energien in China, derzeit als unabhängiger Berater in Peking.

China hat sich zum größten Produzenten von Solarmodulen entwickelt. Das Land investiert mehr Geld in Erneuerbare Energien als jedes andere Land auf der Welt. "Durch eine gezielt ausgerichtete Förderpolitik gelingt es China, Solaranlagen im ganzen Land anzusiedeln. Dafür gibt China in diesem Jahr 15 bis 18 Milliarden Dollar aus." Allein im Solarbereich sollen bis Ende 2020 vier Millionen neue Arbeitsplätze entstehen.

Dennoch ein steiniger Weg

Natürlich ist nicht alles grün, was glänzt. Chinas Weg ist steinig. Aktuell berichten Wissenschaftler, Chinas Kohlendioxid-Emissionen seien nach Jahren der Stagnation um 3,5 Prozent gestiegen. Ein riesiges Land, das solange auf Kohle gesetzt hat, umzusteuern, geht nicht von heute auf morgen. Offenbar hat es noch nicht gereicht, Tausende kleiner und größerer Kohlekraftwerke zu schließen oder ihren Bau zu stoppen. Außerdem investiert China in Afrika noch immer in Kohlekraftwerke, wie Nichtregierungsorganisationen kritisch anmerken.

Sollte es China trotz allem gelingen, den aktuellen Fünf-Jahres-Plan auch nur annähernd umzusetzen, wird das international Maßstäbe setzen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. November 2017 um 11:00 Uhr.

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