Das Verfeuern von Kohle ist die Hauptursache für die enormen Emissionen in China. | AP

Klimaneutralität bis 2060 China - Verschmutzer und Vorreiter

Stand: 31.10.2021 12:33 Uhr

China ist der weltgrößte CO2-Emittent - auch, weil 60 Prozent des Stroms aus Kohlekraftwerken kommen. Damit das Land wie geplant bis 2060 klimaneutral wird, investiert es stark in erneuerbare Energien. Die Zeit ist dennoch knapp.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

In chinesischen Großstädten wie Shanghai, Peking, Hangzhou oder Shenzhen flitzen unzählige elektrische Motorroller fast lautlos durch die Straßen, an den vielen grünen Nummernschildern ist erkennbar, dass es sich auch bei immer mehr Pkw um Elektroautos handelt. Viele große Städte in China haben sogar ihre Busflotten elektrifiziert. Man könnte meinen China. sei schon jetzt nahezu emissionsfrei unterwegs.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Zwar ist das Land tatsächlich weltweiter Vorreiter in Sachen E-Mobilität. Mit Klimaschutz hat das allerdings nur nachgeordnet zu tun, denn rund 60 Prozent des Stroms kommt noch immer aus Kohlekraftwerken.

China will 2060 klimaneutral sein

Vor dem Weltklimagipfel hatte die chinesische Staatsführung daher bekräftigt, künftig weniger von Kohle abhängig sein zu wollen und mehr Strom aus erneuerbaren Energien sowie aus der weitgehend CO2-freien Atomenergie zu gewinnen. So steht es zumindest in einem neuen Grundsatzpapier zur Klimapolitik.

Viel Neues findet sich darin allerdings nicht. Zumindest bestätigt China aber nun erstmals offiziell und verbindlich gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft, bis 2060 klimaneutral sein zu wollen. Bis spätestens 2030 soll zudem der Höhepunkt des CO2-Ausstoßes erreicht sein. Im Umkehrschluss bedeutet das: Bis Ende dieses Jahrzehnts werden die CO2-Emissionen in China Jahr für Jahr weiter steigen.

Li Shuo von der Umweltorganisation Greenpeace glaubt, dass Klimaneutralität bis 2060 nur dann realistisch ist, wenn China den CO2-Ausstoß schneller und deutlicher zurückfährt, als bisher angekündigt. "Von 2030 bis 2060 auf Null zu kommen, ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Viele Beobachter glauben, dass diese Vorstellung reine Science Fiction ist", sagt Li. "Wenn es China aber schafft, fünf Jahre eher mit einem Zurückfahren der Emissionen zu beginnen, dann wird das Ziel der Klimaneutralität realistischer."

Strombedarf steigt rasant an

Um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, werden in der Volksrepublik seit Jahren in großem Stil Windkraftanlagen, Photovoltaik-Farmen und neue Atomkraftwerke gebaut. Dadurch geht zumindest der Anteil der Kohle am Strommix langsam zurück. Das Problem ist, dass gleichzeitig der Strombedarf in China weiter rasant steigt.

Zuletzt musste in rund 20 Landesteilen Chinas sogar immer wieder der Strom abgeschaltet werden - weil schlicht zu wenig verfügbar war. Klar ist: Für Chinas Staats- und Parteiführung hat Versorgungssicherheit Vorrang vor Klimaschutz. Kurzfristig werde das Land abhängig von der Kohle bleiben, sagt die Energieexpertin Yan Qin, die für die Finanzanalysefirma Refinitiv in Oslo arbeitet.

"In den vergangenen Monaten hat Chinas staatliche Planungskommission die kohlereichen Landesteile Innere Mongolei, Shanxi und Shaanxi aufgefordert, die Kohleförderung noch zu verstärken. Und gleichzeitig sagt sie diesen Landesteilen: In ein paar Jahren aber müsst ihr die Kohle ganz deutlich reduzieren", so Yan.

Baubranche setzt viel CO2 frei

Klimaexpertinnen und -experten weisen darauf hin, dass es auf Chinas Weg zur Klimaneutralität längst nicht nur um Kohle gehe. Kaum ein Wirtschaftszweig sorgt in China so sehr für Wachstum wie die Baubranche. Bei der Produktion von Stahl- und Zement aber wird in riesigem Ausmaß klimaschädliches CO2 freigesetzt.

"Wann bekommen wir von der staatlichen Stahl- und Betonindustrie Antworten zum Klimaschutz?", fragt Greenpeace-Expertin Li. "Bisher haben wir nichts gehört von diesem Sektor. Wann zum Beispiel wird die Stahlindustrie den Höhepunkt beim CO2-Ausstoß erreichen, 2023 oder 2025?"

Chinas kommunistische Führung versteckt sich bisher weitgehend hinter wohlklingenden Phrasen und Floskeln, wenn es ums Thema Klimaschutz geht. Bei der Vorstellung des neuen Klimaschutz-Grundsatzpapiers vor einigen Tagen wurde das erneut deutlich.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Oktober 2021 um 12:35 Uhr.