Welt-Internet-Konferenz in Wuzhen | Bildquelle: ALEX PLAVEVSKI/EPA-EFE/Shutterst

Welt-Internet-Konferenz Chinas Griff nach dem Netz

Stand: 23.11.2020 10:53 Uhr

Wenn China zur Welt-Internet-Konferenz einlädt, birgt das eine gewisse Ironie: Kein anderes Land zensiert das Internet so stark. Und dennoch wirbt Chinas Führung auf der Konferenz für den "Geist der Offenheit".

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking

Wenn China für seine Welt-Internet-Konferenz wirbt, werden gerne große Worte bemüht, wie in einem Werbevideo: gemeinsame Zukunft, internationale Kooperation. Ganz ähnlich Zhao Zeliang vom Nationalen Internet Informationsamt in Peking: "Die Veranstaltung in Wuzhen soll den Geist der Offenheit und Zusammenarbeit vermitteln. Wir wollen deutlich machen, dass China dazu beitragen will, den globalen Cyberspace zu einem inklusiven und ausgewogenen Ort zu machen, von dem alle profitieren können."

Bewegen in einer digitalen Paralellwelt

Zhao Zeliang spricht von Offenheit, ohne rot zu werden. Dabei wird nirgendwo sonst das Internet so stark kontrolliert wie in China. WhatsApp, Instagram, Facebook, Youtube, Twitter, Google: Alles gesperrt. Chinas 900 Millionen Internetnutzer bewegen sich in einer digitalen Parallelwelt, die von chinesischen Apps dominiert und kontrolliert wird.

WeChat regiert den Alltag

"Wir haben für alles unsere eigenen Produkte, die den gleichen Service bieten." Internetnutzer haben eine riesige Zahl von Apps, aus denen sie wählen können: Die am meisten genutzte ist WeChat mit etwa 90 Prozent Marktanteil, sagt der Pekinger Internet-Experte Guo Tao. Ob chatten, bezahlen, den eigenen Corona-Status anzeigen - vor allem WeChat regiert den Alltag in China.

Statt bei Amazon kaufen Chinesen beim Online-Riesen Alibaba. Stark zensierte Suchmaschinen wie Baidu ersetzen Google. Ohne internationale Konkurrenz konnten chinesische Start-Ups so zu riesigen IT-Konzernen heranwachsen.

China will zwar die Marktmacht seiner Internetgiganten jetzt stärker regulieren - und hat, im Zuge der Corona-Pandemie, die digitale Überwachung ausgebaut und den eisernen Griff aufs Internet verstärkt.

Welt-Internet-Konferenz in Wuzhen | Bildquelle: ALEX PLAVEVSKI/EPA-EFE/Shutterst
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Bei der diesjährigen Konferenz, die heute im südchinesischen Wuzhen startet, wirbt die Volkrepublik erneut für ihr Konzept eines "kontrollierten Internets."

"Peking kontrolliert den Informationsfluss"

Bei der Organisation Reporter ohne Grenzen steht China schon lange auf der Liste der "Feinde des Internets": "Die chinesische Regierung kontrolliert den Informationsfluss. Sie hat riesige Ressourcen und gibt dafür sehr viel Geld aus", sagt Wu'er Kaixi, ehemals Vorstandsmitglied bei Reporter ohne Grenzen und chinesischer Dissident im Exil in Taiwan. "Die Regierung kontrolliert damit auch das soziale Umfeld, so dass Menschen aufhören kritisch zu denken, Dinge in Frage zu stellen, zu streiten oder nach dem Warum zu fragen. Genau das sehen wir heute in China."

Kritik unerwünscht

Wie viele Zensoren damit beschäftigt sind, täglich politisch unerwünschte Posts zu löschen, Konten von Nutzern und Chatgruppen abzuschalten, Suchergebnisse zu zensieren, weiß niemand genau. Auch Filter und Algorithmen helfen beim Löschen und Blockieren.

Die umfassende Kontrolle verkauft die Führung als "Internet-Souveränität" - und propagiert dieses Konzept auf Konferenzen wie in Wuzhen. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass jede Regierung mit dem Internet machen kann, was sie will: Kritik unerwünscht.

Hemmschuh für IT-Firmen

Doch was im eigenen Land funktioniert, entpuppt sich international als Hemmschuh - etwa für die Expansion chinesischer IT-Firmen. Jüngstes Beispiel ist TikTok - die populäre Video-Sharing-App von ByteDance in Peking, und die bislang einzige chinesische App, die international erfolgreich ist. Die US-Regierung würde sie am liebsten verbieten - aus Sorge um Datensicherheit, wie es heißt. Ausgerechnet die chinesische Regierung spricht empört von "Machtmissbrauch", Verletzung marktwirtschaftlicher Prinzipien und "Unterdrückung".

China wirbt auf „Welt-Internet-Konferenz“
Ruth Kirchner, ARD Peking
23.11.2020 09:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. November 2020 um 06:09 Uhr.

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Ruth Kirchner, RBB

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