Ein Konvoi der indischen Armee fährt über eine Straße, die von Srinagar nach Ladakh führt | Bildquelle: dpa

Grenzstreit mit Indien China setzt zunehmend auf Härte

Stand: 13.09.2020 19:34 Uhr

Die beiden rivalisierenden Atommächte China und Indien streiten offen um ihre Grenzlinie im Himalaya. Zuletzt wurden sogar Soldaten getötet. Kann der Konflikt eingedämmt werden?

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Mit Prügeleien zwischen indischen und chinesischen Grenzsoldaten hatte es im Mai begonnen. In den sozialen Netzwerken wurden Handyvideos verbreitet, von Massenschlägereien am Galwan-Fluss, der die karge Felslandschaft im westlichen Abschnitt des Himalaya durchzieht und die "Line of Actual Control LAC" markiert, die inoffizielle Grenzlinie zwischen dem indischen Hochgebirgsterritorium Ladakh und der von China kontrollierten Autonomen Region Tibet.

Im Juni fielen sogar Schüsse, 20 indische Soldaten und nach unbestätigten Angaben auch einige chinesische, sind dabei ums Leben gekommen. Es war der schlimmste Grenzzwischenfall zwischen den beiden Atommächten seit dem Krieg im Jahr 1962, den China gewonnen hatte.

Karte von China, Indien, Bhutan und Tibet
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Umstritten ist nicht nur der Grenzverlauf zwischen China und Indien, sondern auch zwischen China und Bhutan. Die Autonome Region Tibet wird von China kontrolliert.

Es gibt keine offizielle Staatsgrenze

Eine offizielle Staatsgrenze zwischen Indien und China gibt es nicht. Stattdessen mehrere Linien, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert von den britischen Kolonialherren gezogen wurden. Umstritten ist unter anderem noch eine Region im Osten Ladakhs, genannt Aksai Chin, eine karge Landschaft aus Fels, Gletschern und Salzseen auf 4000 Metern Höhe.

Außerdem ist ein Gebiet im indischen Bundesstaat Sikkim im Dreiländereck Indien-China-Bhutan umstritten und der gesamte indische Bundesstaat Arunachal Pradesh, östlich von Bhutan, den die chinesische Regierung als Süd-Tibet bezeichnet.

In den 1950er-Jahren, nachdem die Kommunisten in China den Bürgerkrieg für sich entschieden hatten, erklärte die Volksrepublik alle kolonialen Grenzen für nichtig. Seitdem wird über deren Verlauf gestritten.

Unstimmigkeiten auch mit Bhutan

Auch das kleine Bhutan wird zunehmend in den geopolitischen Machtkampf seiner großen Nachbarn hineingezogen. Das einstige Königreich auf dem Dach der Welt liegt eingezwängt zwischen dem Nordosten Indiens und der Autonomen Region Tibet, die zur Volksrepublik China gehört.

Auch zwischen China und Bhutan gibt es Unstimmigkeiten über den Grenzverlauf. Doch jüngst erhob die Regierung in Peking Anspruch auf eine Region in Bhutan, die gar nicht an China beziehungsweise Tibet grenzt. Das Sakteng Wildlife Sanctuary liegt im Süden Bhutans, an der Grenze zum indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh.

Grenzgebiet zwischen China und Indien in Ladakh | Bildquelle: AP
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So idyllisch weite Teile des Himalayas auch wirken mögen - in der Region schwelt nicht nur der heikle Grenzkonflikt zwischen Indien und China, sondern auch zwischen Indien und Pakistan.

Expansive Politik von China

China und Bhutan führen seit Jahren Gespräche über den genauen Verlauf ihrer Grenze im Hochgebirge des Himalaya. Das Sakteng Wildlife Sanctuary stand dabei noch nie zur Diskussion. Doch China versucht seit einiger Zeit, seine Gebietsansprüche gegenüber Indien mit größerer Härte durchzusetzen, unter anderem auf Arunachal Pradesh. Bhutan könnte dabei zwischen die Fronten geraten.

Das erneute Aufflammen des jahrzehntelangen Konflikts stehe im Zusammenhang mit der expansiven Politik der Volksrepublik China, die auch in anderen Regionen der Welt zu beobachten sei, so Harsh V. Pant, der China-Experte der Observer Research Foundation, einem politischen Think Tank in Neu-Delhi. Er verwies auf die chinesischen Aktivitäten im Südchinesischen Meer, auf die Entwicklung in Hongkong und die sich verstärkenden Drohungen gegenüber Taiwan.

China investiert 150 Milliarden in Tibet

China baut seit Jahren seine Infrastruktur entlang der Grenze im Himalaya aus, mit Straßen und Landepisten für Flugzeuge. Fast 150 Milliarden US-Dollar werde in Tibet investiert, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. So soll unter anderem die Bahnlinie zwischen der chinesischen Provinz Sichuan und Tibet fertiggestellt werden.

Narendra Modi | Bildquelle: REUTERS
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Indiens Premier Modi setzt auf militärische Präsenz im Grenzgebiet.

Indien habe diese Region lange Zeit vernachlässigt, so Pant. Doch seit in Neu-Delhi die hindu-nationalistische Partei BJP von Premierminister Narendra Modi die Regierung stelle, habe auch Indien seine militärische Präsenz und Infrastruktur im Grenzgebiet verstärkt.  

Nun komme es häufiger zu direkten Begegnungen von Grenzsoldaten beider Seiten und folglich zu häufigeren Konfrontationen.

Deeskalationsplan vereinbart

Erst kürzlich vereinbarten die Außenminister Indiens und Chinas, S. Jaishankar und Wang Jy, einen Fünf-Punkte-Plan zur Deeskalation. Demnach sollen sich die Truppen von beiden Seiten der Grenze zurückziehen. Doch an diesem Wochenende startete in Tibet eine groß angelegte Militärübung auf 5000 Metern Höhe, mit Panzern und anderen schweren Waffen. Die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete Filmmaterial von dem Manöver der chinesischen Streitkräfte, an dem Einheiten mehrerer Waffengattungen beteiligt waren. 

Ein direkter Krieg zwischen Indien und China liegt nicht im Interesse der beiden Länder. Dabei ist China dem Rivalen Indien militärisch haushoch überlegen. Wie das Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI in seinem jüngsten Bericht feststellte, wendet China jährlich über 260 Milliarden US-Dollar für sein Militär auf, Indien nur rund 71 Milliarden. Auch bei den Atomwaffen steht China weit vorne. Dem SIPRI-Bericht zufolge verfügt China schätzungsweise über 320 nukleare Sprengköpfe, Indien über etwa 150.

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