Passanten auf der Uferpromenade in Shanghai | dpa

China nach Covid-19 Normalität und Überwachung

Stand: 30.11.2020 06:20 Uhr

In China hat man die Pandemie gut im Griff. Kaum Neuinfektionen, nur noch wenige Beschränkungen. Wenn jedoch neue Fälle auftreten, wird ohne Rücksicht auf die Rechte der Menschen reagiert.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

In den Nachtclubs chinesischer Großstädte wird wieder getanzt - wie vor Beginn der Covid-19-Pandemie. So wie hier in Shanghai vergangenes Wochenende. Die Leute gehen wieder aus, die Läden sind voll. Das Risiko, sich anzustecken, ist rein statistisch gesehen nur noch sehr gering im bevölkerungsreichsten Land der Welt. Die offizielle Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt in der Regel im einstelligen Bereich. Meistens handelt es sich um so genannte eingeschleppte Fälle, also um Chinesinnen und Chinesen, die aus dem Ausland zurückgekehrt sind.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Am Eingang einiger Restaurants, in Behörden, Bankfilialen und Krankenhäusern wird zwar häufig noch die Temperatur gemessen, aber ansonsten herrscht wieder sehr viel Normalität in China. Geschäfte, Einkaufszentren, Restaurants und Fitness-Clubs: Fast alles hat wieder geöffnet, Schulen und Unis sowieso.

"Mein Leben fühlt sich schon wieder seit Ende März/Anfang April einigermaßen normal an", sagt ein 39-Jähriger aus Shanghai. "Die Maske ziehe ich nur noch auf, wenn es um mich herum voll wird. Also immer dann, wenn irgendwo gedrängelt wird."

Coronatests am Flughafen in Shanghai | AP

Massentests sollen die Bevölkerung schützen. Bild: AP

Gesundheitscode und Flickenteppich

 "Wenn man U-Bahn fährt, muss man auf jeden Fall eine Maske tragen, weil dort unten die Luft nicht gut zirkulieren kann", sagt eine Kosmetikerin aus Shanghai. "Die Temperatur messen oder den Gesundheits-Code auf dem Telefon zeigen müssen wir noch, wenn wir ausgehen, in Kneipen, Clubs oder zum Karaoke und so. Das ist für mich aber okay, ich hab mich dran gewöhnt."

Der Gesundheitscode, von dem der 40-Jährige spricht, wird mit einer Smartphone-App erzeugt. Er ist seit Beginn der Covid-Krise allgegenwärtig für die Menschen in China. Die App errechnet aus Standort-und Funknetzdaten ein persönlich Risiko: grün, gelb oder rot. Ohne die App und ohne grünen Code kann man sich fast nicht mehr bewegen in China. Die Behörden können dadurch noch besser als ohnehin schon nachverfolgen, wer sich wann wo aufhält oder aufgehalten hat.

Vor allem an Bahnhöfen, Flughäfen und auch Autobahn-Mautstationen braucht man in der Regel einen grünen Code. Kurzum: Immer dann, wenn man sich innerhalb Chinas über Stadt- und Provinzgrenzen hinweg bewegt. Eine einheitliche Corona-App gibt es in China nicht, im Gegenteil: Es herrscht ein digitaler Flickenteppich. Jede Provinzregierung, jede Stadtverwaltung wurschtelt vor sich hin. Das gegenseitige Vertrauen der chinesischen Behörden ist offensichtlich nicht besonders groß.

Datenschutz und Grundrechte spielen keine Rolle

Wenn dieser Tage doch mal irgendwo in China mehrere Vor-Ort-Ansteckungen bestätigt werden, dann ist die Aufregung groß. Als vor ein paar Tagen in der Stadt Manzhouli, ganz im Norden des Landes, zwei neue Fälle bekannt wurden, war das den Fernsehnachrichten eine ausführliche Meldung wert.

In der Regel werden dann vor Ort Massentests angeordnet. Hunderttausende bis zu mehrere Millionen Menschen werden dabei innerhalb weniger Tage auf das Coronavirus getestet. Die betroffenen Städte werden für den Zeitraum weitgehend abgeschottet vom Rest des Landes.

Massenhaft Testen in großem Stil und konsequentes Nachverfolgen von Kontakten: Das sind die wichtigsten Mittel der chinesischen Behörden im Kampf gegen das Virus. Personal und Geld spielen dabei keine Rolle. Dazu kommen die so gut wie komplett geschlossenen Außengrenzen. Außerdem ist entscheidend: Datenschutz und persönliche Grundrechte spielen in der Diktatur China keine Rolle. Die Behörden legen digitale Bewegungsprofile der Menschen an, nutzen die Bilder von Überwachungskameras, auch müssen sie keine Rücksicht auf Rechtsstaatlichkeit nehmen. Anders als in Europa gibt es keine öffentlichen Debatten: weder über die Corona-Maßnahmen, noch über den Ursprung der Pandemie.

Über dieses Thema berichtete die MDR aktuell Radio am 30. November 2020 um 06:22 Uhr.