Chinesischer Arzt Li Wenliang | AFP

Coronavirus China startet Untersuchung nach Arzt-Tod

Stand: 07.02.2020 14:25 Uhr

Der chinesische Arzt Li Wenliang hatte frühzeitig vor dem Ausbruch des Coronavirus gewarnt - ausgerechnet er ist nun selbst daran gestorben. Die Regierung hat eine Untersuchung gestartet.

Nach dem Tod des chinesischen Arztes Li Wenliang, der vor dem Ausbruch des Virus gewarnt hatte, hat die chinesische Regierung eine offizielle Untersuchung gestartet. Mit Zustimmung des Zentralkomitees der Partei schickte die staatliche Aufsichtskommission ein Ermittlungsteam nach Wuhan, teilten die Behörden mit.

Der 34-jährige Augenarzt war am Donnerstagabend selbst an der Lungenkrankheit gestorben. Chinesische Medien dementierten seinen Tod zunächst, das Wuhan Central Hospital bestätigte in der Nacht aber die Nachricht: Alle Bemühungen, ihn zu retten, seien vergeblich gewesen, hieß es aus dem Krankenhaus. "Wir bedauern es zutiefst und trauern."

Schicksal symbolisiert Behörden-Untätigkeit

Der Tod des Arztes löste nicht nur große Anteilnahme im ganzen Land aus. Sein Schicksal symbolisiert für viele Chinesen auch die Folgen der Untätigkeit oder langsamen Reaktion der Behörden auf den Ausbruch. Bei den Ermittlungen gehe es um "Fragen" des Volkes zu diesem Geschehen, hieß es.

Denn die sozialen Netzwerke sind voll von anklagenden Zitaten, ob auf Weibo oder WeChat. "Wir wissen, dass sie lügen! Sie wissen, dass sie lügen!" Oder: "Ohne Vertrauen und Ehrlichkeit kann ein Menschen nicht stehen - und ein Land wird untergehen. In dieser Ära, in der Lügen überall sind, ist es so wertvoll, die Wahrheit zu sagen."

"Er konnte nicht lügen"

Eine derart kollektive Reaktion im Internet hat es in China lange nicht gegeben. Die Hymne "Do you hear the People sing", die auch schon bei den Protesten in Hongkong eine zentrale Rolle gespielt hat, wurde millionenfach geteilt. Auch der Satz, den Li Wenliang selbst in einem Caixin-Interview sagte: "Eine Gesellschaft sollte nicht nur eine Stimme haben." Chinas Zensoren kommen derzeit mit dem Blockieren und Löschen von kritischen Inhalten kaum nach.

Auch die Mutter des Arztes meldete sich zu Wort. Im chinesischen Videokanal Pearvideo beschrieb sie ihn als Kind mit großem Potenzial und Talent. "Er konnte nicht lügen und hat seinen Beruf mit Wahrhaftigkeit ausgeführt." Sie und ihr Mann seien auch mit dem Virus infiziert gewesen, aber vor ein paar Tagen aus dem Krankenahaus entlassen worden. "Ich und sein Vater wurden geheilt. Aber mein Kind hat leider nicht überlebt."

Zum Schweigen verdonnert

Li Wenliang hatte am 30. Dezember in einer Online-Diskussionsgruppe von Medizinern und Studenten auf eine wachsende Zahl von mysteriösen Virusfällen in Wuhan hingewiesen. Er warnte vor der Wiederkehr des SARS-Virus, das vor 17 Jahren zu einer Pandemie mit 8000 Infizierten und 774 Toten geführt hatte.

Acht Teilnehmer an der Chatgruppe waren danach von der Polizei wegen der Verbreitung von "Gerüchten" vorgeladen und verwarnt worden. Außerdem mussten sie unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen. Einige Tage später infizierte sich der Arzt selbst bei einer Patientin.

Infografik Verbreitung neues Coronavirus Stand 7.2.2020  |

Mehr als 31.000 Infektionen in China

Chinas Nationale Gesundheitskommission meldete inzwischen 636 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Die Zahl der bestätigten Infektionen stieg um 3143 auf 31.161.

Virus-Schutzausrüstung wird knapp

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird mittlerweile die Virus-Schutzausrüstung knapp. "Die Welt ist mit einem chronischen Mangel an persönlicher Schutzausrüstung konfrontiert", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus vor dem WHO-Exekutivrat in Genf.

Demnach gehen weltweit Gesichtsmasken und andere Schutzausrüstung aus. Ghebreyesus kündigte an, sich beim Lieferketten-Netzwerk für Schutzausrüstung dafür einzusetzen, "Engpässe" in der Produktion zu beheben.

Bereits am Mittwoch hatte die WHO angekündigt, Atemschutzmasken, Gummihandschuhe, Schutzanzüge und Test-Sets an hilfsbedürftige Länder zu schicken. Dazu forderte sie die internationale Gemeinschaft zu Zahlungen in Höhe von 675 Millionen Dollar (613 Millionen Euro) auf.

Virus muss einhellig bekämpft werden

Außerdem gebe es noch immer Länder, die Informationen über bestätigte Ansteckungsfälle nicht an die WHO weiterleiten, kritisierte der WHO-Chef. "Wir fordern diese Mitgliedsländer auf, diese Informationen umgehend zu teilen", sagte er. Kein Land und keine Organisation könne die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus allein stoppen.

"Zusammenzuarbeiten ist unsere große Hoffnung und unsere einzige Hoffnung", fügte Ghebreyesus hinzu. Man habe einen gemeinsamen Feind, der gefährlich ist und zu schweren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen führen könne. Das Virus müsse "einhellig" bekämpft werden.

Die WHO hat 194 Mitgliedsstaaten. Nicht dazu gehört auf Druck von China Taiwan, wo es mittlerweile 16 Infektionsfälle gibt.

Mit Informationen von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Februar 2020 um 12:44 Uhr.