Gerettete Bergleute in Chile

Zehn Jahre nach Rettung in Chile So geht es den Bergleuten heute

Stand: 13.10.2020 09:27 Uhr

2010 saßen in Chile 33 Kumpel mehr als zwei Monate in einem verschütteten Stollen fest. Millionen verfolgten ihre Rettung im Fernsehen. Heute fühlen sich die Helden von damals vergessen und verraten.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

69 Tage waren die Kumpel in 700 Metern Tiefe eingeschlossen. Dann am 13. Oktober vor zehn Jahren: die spektakuläre Rettungsaktion. Einer nach dem anderen der 33 chilenischen Bergleute klettert aus der Rettungskapsel. Im "Camp Esperanza", wo die Familienangehörigen ausharren, bricht Jubel aus, 2000 Journalisten sind vor Ort - die ganze Welt fiebert live im Fernsehen mit.

Unvergessen der Freudentanz von Mario Sepúlveda, dem wohl bekanntesten Gesicht dieses "Wunders von Chile". Die Kumpel reisten umher, traten in Talk-Shows auf, es gab Geschenke, ihre Geschichte wurde verfilmt, mit Antonio Banderas in der Hauptrolle.

"Unser 'Team der 33' war das bis dahin beste Team, mit dem ich gearbeitet habe", sagt Sepúlveda. "Die wichtigste Regel war: am Leben zu bleiben, die Hoffnung, die Motivation und den Humor nicht zu verlieren, zu lachen und zu singen. Und das haben wir geschafft."

Grubenunglück Chile
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Die Tagesschau vor zehn Jahren.

Er tritt heute noch manchmal als Motivationstrainer auf. In einer Reality-Show gewann er rund 150.000 US-Dollar. Damit baute er ein Zentrum für autistische Kinder auf. Mit seinen ehemaligen Schicksalsgenossen hat er keinen Kontakt mehr - es gab Konflikte über Geld und Filmrechte, Enttäuschung, Neid.

Vielen fiel es schwer, ins Leben zurückzufinden, wie José Ojeda. "Auch zehn Jahre später habe ich mich kaum erholt", sagt er. "Ich habe nie wieder gearbeitet, ich habe keine Arbeit bekommen, weil ich einer der '33' bin."

Er und die anderen 32 saßen am 5. August 2010 beim Mittagessen, als die alte Kupfermine einstürzte. 33 Männer, die sich zuvor kaum kannten, wurden zur Schicksalsgemeinschaft. Erst nach 17 Tagen gelang eine erste Kommunikation mit der Außenwelt: "Uns 33 geht es gut, hier im Schutzraum." Es war Ojeda, der die berühmte Botschaft damals auf den Zettel schrieb.

Die Rente reicht kaum für Medikamente

"Die Menschen glauben, wir hätten damals alle viel Geld bekommen, aber das stimmt nicht", sagt Ojeda. "Ich bekomme eine kleine Rente, aber das ist sehr wenig." Umgerechnet 335 Euro Rente zahlt ihm der chilenische Staat, die Hälfte des Einkommens als Arbeiter in der Mine. Es reicht kaum für die Medikamente, die er jetzt braucht. Er ist krank: an Herz, Prostata und Nieren, er hat Diabetes und geht auf Krücken. Mit seiner Frau Susanna Ordenes lebt er noch immer in der staubigen Provinzstadt Copiapó.

"Er ist einer der 33 Bergleute, es kann doch nicht sein, dass der Staat sie allein lässt", sagt sie. Es seien schließlich die Versäumnisse des Staates, die zu dem Unglück geführt haben, weil dieser den Bergbausektor kaum kontrolliere.

Stichwort: Grubenunglück in Chile

Ihre Rettung grenzt an ein Wunder - und war zugleich eine technische Meisterleistung: 69 Tage lang saßen 33 Bergleute in einem 700 Meter tiefen Stollen der chilenischen Atacama-Wüste fest. Die alte Kupfermine war am 5. August 2010 eingestürzt. Erst nach 17 Tagen gab es ein Lebenszeichen. Mit einer Sonde schickten die Kumpel zwei kleine Briefe nach oben. "Uns 33 geht es gut, hier im Schutzraum.“ Es folgte eine spektakuläre Rettungsaktion. Am 13. Oktober wurde ein Kumpel nach dem anderen mit der Rettungskapsel "Phönix" an die Oberfläche gezogen. Die Rettung war ein Medienereignis: 2000 Journalisten aus aller Welt wohnten dem Spektakel bei.

Kumpel warten bis heute auf Entschädigung

Die Mine wurde nach dem Unglück geschlossen, das Strafverfahren gegen die Betreibergesellschaft ohne Anklage eingestellt. Währenddessen warten die einstigen Kumpel bis heute auf Entschädigung - zwar wurden ihnen 2018 rund 85.000 Euro zugesprochen, doch die Regierung legte Berufung ein. Das Verfahren liegt auf Eis. Auch gibt es keine Gedenkfeier, kein gemeinsames Treffen nun zum zehnten Jahrestag ihrer Rettung.

Jimmy Sánchez, der mit 19 Jahren damals jüngste unter den 33, blickt an diesem Tag sehr nachdenklich zurück. "Ich bin sehr dankbar, dass wir das überlebt haben, dank der Anstrengungen der Regierung", sagt er. "Aber es macht mich wütend, dass viele unsere Geschichte nur ausgenutzt haben, um damit Geld zu machen. Viele haben von uns profitiert, aber wir haben nichts gewonnen."  

Und Sepúlveda, der nicht mehr in der Region Copiapó sondern im Großraum Santiago lebt, sagt: "Mein Traum ist, dass wir alle 33 in einem Moment wieder vereint sind und dass jeder das Leben führen kann, das ihm zusteht."

10 Jahre nach dem Gruben-Drama: Die „33“ fühlen sich allein gelassen
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
13.10.2020 08:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Oktober 2020 um 07:52 Uhr.

Korrespondentin

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Anne Herrberg, BR

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