Polizisten sichern einen Tatort in Chicago. | Bildquelle: AP

Chicago Polizeigewalt, Rassismus, skrupellose Gangs

Stand: 28.11.2019 05:34 Uhr

Chicago ist eine der gefährlichsten Großstädte der USA. Alle vier Stunden wird hier im Schnitt jemand durch Waffengewalt verletzt oder getötet. Und die Leidtragenden sind besonders die schwarze Bevölkerung.

Von Torben Ostermann, ARD-Studio Washington, zzt. Chicago 

Eine Kunstgalerie, mitten in der schicken Innenstadt von Chicago. Celeste Campbell war bereits einige Male hier, um ihrem Sohn zu gedenken. In einem Raum sind weiße Häuser mit unzähligen Fächern aufgebaut, jedes Fach steht für einen getöteten Bürger Chicagos.

Ihr Sohn, Matthew Rogers Junior, war ein aufstrebender Hip-Hop-Künstler, hatte gerade seinen ersten Plattenvertrag unterzeichnet. Doch bevor er seine Karriere so richtig starten konnte, wurde der 24-Jährige Afroamerikaner ermordet. Erschossen. Vor einem Nachtclub in Chicago.

"Fünf Mal wurde auf meinen Sohn geschossen. Einmal in den Bauch, einmal in den Arm. Und drei Mal in den Rücken, weil er versucht hatte, sich umzudrehen."

Eine der gefährlichsten Großstädte der USA

Drei Jahre sind seit diesem Abend vergangenen, die Erinnerungen noch immer sehr präsent.

"Als meine Tochter mich anrief und mir sagte, dass mein Sohn erschossen wurde, war ich fassungslos. Total benommen. Ich hab sie gefragt: Atmet er noch? Ist er okay? Es war niederschmetternd."

Matthew Rogers Junior überlebte den Angriff nicht. Er starb noch am selben Abend. Chicago gilt als eine der gefährlichsten Großstädte der Vereinigten Staaten. Statistisch gesehen wird hier alle 19 Stunden ein Mensch durch Waffengewalt getötet, alle vier Stunden jemand verletzt.

Berüchtigte West Side

In der Innenstadt bekommt man von den Dramen die sich abspielen, wenig mit. Doch eine kurze Fahrt mit der U-Bahn reicht aus, um ein anderes Chicago kennenzulernen. Die West Side ist berühmt berüchtigt. Straßengangs haben die Gegend unter sich aufgeteilt, verdienen ihr Geld mit Drogenverkauf.

"Töten oder getötet werden. Das ist hier die Mentalität. Ein Waffe ist wichtig, um sich zu verteidigen. Weil der Gegenüber bestimmt eine hat."

So beschreibt Bradley Johnson die Situation in seinem Stadtteil. Der 50-Jährige ist hier aufgewachsen, arbeitet heute als Sozialarbeiter in einer Jugendeinrichtung. Neben Ganggewalt klagen hier Afroamerikaner vor allem über Polizeigewalt. Grundlose Razzien, demütigende Kontrollen, aber auch körperliche Übergriffe. Die meisten hier haben kein Vertrauen in die Männer und Frauen, die sie eigentlich schützen sollen.

"Du musst im Gespräch mit Polizei gegenüber sehr vorsichtig sein. Du musst sagen: 'Ja, Sir, Nein, Sir' - nur, um eine Eskalation zu verhindern."

Bloß nicht weglaufen

Und er rät ihnen: Bloß nicht weglaufen. Denn dann ist die Gefahr am größten, das Schüsse fallen.

James Garborino ist Psychologieprofessor an Chicagos Loyola Universität, hat sein ganzes Berufsleben mit Kindern und Jugendlichen verbracht, die durch Waffengewalt traumatisiert wurden.

"Es ist eine Tatsache, dass es mit der Hautfarbe der Jugendlichen zusammenhängt. Afroamerikanische Kinder aus einkommensschwachen Familien sterben acht bis zehnmal häufiger durch Schusswaffen als Mittelklassekinder, egal welcher Hautfarbe."

"Ich bin sehr entmutigt"

Immer wieder hat er gehofft, dass sich endlich etwas ändern werden, dass die Politik etwas gegen Waffengewalt unternehmen würde. Vergeblich.

"Ich sehe keine grundlegende Veränderung in den Grundlagen für das Problem. Die geschürte Angst im Land ist unverändert. Es gibt keine Anzeichen für Änderungen in der Waffenindustrie. Und auch in der Politik nimmt sich keiner ernsthaft dieser Sache an. Ich bin sehr entmutigt." 

Celeste Campbell, die Mutter des getöteten Rappers, ist optimistischer. Sie arbeitet derzeit mit Frauen zusammen, die ebenfalls ihre Kinder verloren haben. Staatliche Unterstützung gibt es nicht. Sie wissen, dass nur sie sich selber helfen können.

Polizeigewalt, Rassismus, skrupellose Gangs - der tägliche Kampf in Chicago
Torben Ostermann, ARD Washington
28.11.2019 06:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 28. November 2019 um 08:37 Uhr.

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