Ein Krankenpfleger in einem Berliner Krankenhaus. | Bildquelle: dpa

Einsatz von Chemikalien Teures Gift

Stand: 05.12.2017 02:00 Uhr

Chemikalien, die in die Umwelt gelangen, können krank machen. Einer aktuellen Studie zufolge sind die dadurch entstehenden Kosten viel höher als bislang angenommen - nämlich einige Milliarden Euro weltweit.

Von Christian Baars, NDR

Schwermetalle, Pestizide, Plastikweichmacher und weitere Chemikalien gelangen ständig in die Umwelt. Viele von ihnen können zu gesundheitlichen Problemen führen - und damit auch zu gigantischen Kosten. Chemikalien in der Umwelt verursachen Schäden in Höhe von mehr als zehn Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts, haben zwei Forscher aus Dänemark und Frankreich nun berechnet. Das entspricht mehr als 6500 Milliarden Euro pro Jahr.

Folgen bislang deutlich unterschätzt

Die Studie wurde in der Zeitschrift "Environmental Health" veröffentlicht. Der Hauptautor, Philippe Grandjean, forscht seit Langem in Dänemark und an der Harvard-Universität in den USA zu den gesundheitlichen Problemen von Chemikalien, die in die Umwelt gelangen. Seiner Meinung nach werden die Folgen bislang deutlich unterschätzt. Gemeinsam mit Martine Bellanger, einer Gesundheitsökonomin aus Paris, hat er mehr als 100 Studien ausgewertet, die seit dem Jahr 2000 erschienen sind und sich mit den Auswirkungen von Chemikalien in der Umwelt befassen.

Massiv unterschätzt seien bislang vor allem die Auswirkungen einiger Chemikalien auf das Hormonsystem und auf das Gehirn - vor allem auf die Hirnentwicklung bei Kindern, sagte Philippe Grandjean zu tagesschau.de. Er spricht von einer "schleichenden Epidemie", deren Folgen noch nicht absehbar seien. Schwermetalle oder Plastikzusätze könnten die Hirnfunktion und damit die Intelligenz beeinträchtigen. Hormonell wirksame Stoffe könnten zu Übergewicht, Diabetes oder zu Problemen bei der Fortpflanzung führen.

Wirkung von Schwermetallen nachgewiesen

Nach Ansicht des Verbands Chemischer Industrie gibt es bislang zumindest zu hormonell schädlichen Stoffen keine fachlichen Beweise für eine möglicherweise unterschätzte Gefahr. So könne etwa ein kausaler Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit oder einer reduzierten Spermienzahl und einzelnen Stoffen bislang nicht belegt werden.

Unstrittig ist aber die schädliche Wirkung von giftigen Schwermetallen wie Blei. Zwar hat sich die Situation - unter anderem durch das mittlerweile fast weltweite Verbot von bleihaltigem Benzin - verbessert. Doch noch immer gelangen große Mengen des Metalls in die Atmosphäre und über die Luft, die Haut oder die Nahrung in den Körper von Menschen und verursacht Schäden im Nervensystem. Die Folgekosten schätzen die Forscher auf rund 1000 Milliarden Euro.

Auch die Luftverschmutzung führt bei vielen Menschen zu Gesundheitsproblemen, etwa Asthma oder Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und damit zu hohen Kosten für die Gesellschaft - vor allem in China und Indien.

Pflanzenschutzmittel können die Intelligenz beeinträchtigen

Die in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizide können den Wissenschaftlern zufolge ebenfalls unerwünschte Nebenwirkungen bei Menschen haben - in Form von kognitiven Defiziten. Bei heranwachsenden Kindern können die aufgenommenen Pflanzenschutzmittel  zu Beeinträchtigungen bei der Hirnentwicklung führen, damit zu einem geringeren Intelligenzquotienten und zu niedrigeren Einkommen. Der Studie zufolge entsprechen diese Schäden allein in der Europäischen Union einem Wert von etwa 150 Milliarden Euro. Dies geht auch aus einer Studie des Europäischen Parlaments von Ende 2016 hervor. Grandjean empfiehlt deshalb insbesondere Schwangeren und Müttern von kleinen Kindern, darauf zu achten, möglichst Lebensmittel zu essen, die wenig Pestizid-Rückstände aufweisen.

Ein Flugzeug in den USA bringt Pestizide aus (Archiv) | Bildquelle: AP
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Pestizide können zu kognitiven Defiziten führen.

Mehr Daten nötig

Bei vielen Chemikalien lägen jedoch noch keine ausreichenden Daten vor, um ihre Auswirkungen zu beziffern, erklärte Grandjean. Nach Schätzungen werden mehr als 100.000 verschiedene Substanzen produziert und eingesetzt. Viele von ihnen können in den menschlichen Körper gelangen - etwa über die Luft, die Nahrung oder über die Haut. Oft sind deren schädlichen Nebenwirkungen jedoch noch nicht richtig erforscht.

Grandjean fordert deshalb, die Forschung in diesem Bereich auszuweiten, die Chemikalien vor ihrer Zulassung besser zu testen und dafür zu sorgen, dass Menschen möglichst wenig mit Chemikalien in Kontakt kommen.

Der Verband Chemischer Industrie verweist darauf, dass er gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium daran forscht, Methoden zu entwickeln, um Rückstände von besonders häufig eingesetzten Chemikalien in Menschen nachweisen zu können. Mit den bisher üblichen Abschätzungen könnten gesundheitliche Risiken "leicht über- oder unterschätzt werden".

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