Ceneri-Basistunnel | REUTERS

Ceneri-Basistunnel "Deutschland hat Verspätung"

Stand: 04.09.2020 11:32 Uhr

Mehr Güterverkehr auf der Schiene und kürzere Fahrtzeiten zwischen europäischen Großstädten: Der Ceneri-Basistunnels in der Schweiz ist eröffnet - aber der deutsche Abschnitt ist noch nicht fertig. In der Schweiz stößt das auf Unverständnis.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Die Idee einer Flachbahnstrecke durch die Alpen, also einer Eisenbahntrasse ohne große Steigungen, gab es in der Schweiz schon seit Jahrzehnten. Doch erst eine Volksabstimmung brachte den Schwung, das Projekt auch anzugehen. 1994 stimmte eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger dafür, die Alpen vor der Lastwagenflut zu schützen und mehr Transitverkehr auf die Schiene zu lenken.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich

Nachdem der Lötschbergtunnel und der Gotthard-Basistunnel - mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt - fertiggestellt wurden, folgte nun noch der Ceneri-Basistunnel. Er verbindet die beiden Tessiner Städte Bellinzona und Lugano miteinander.

Oberbauleiter Charly Simmen von der Alptransit Gotthard AG sagt, die Arbeiten am Tunnel hätten es in sich gehabt, weil beide Portale unmittelbar in Wohngebieten liegen. Den Tunnel habe man von der Mitte her nach Norden und nach Süden ausgebrochen. "Da brauchte man einen Zugangsstollen, allein um zu starten", so Simmen. Das ganze Equipment habe man unter Tage verpacken müssen, in großen Kavernen.

Ceneri-Basistunnel verkürzt Fahrtzeiten

Der rund 15 Kilometer lange Ceneri-Basistunnel verkürzt die Fahrzeit der Personenzüge etwa zwischen Zürich und Mailand zusätzlich zur Ersparnis durch den Gotthardtunnel um eine weitere Viertelstunde. Doch viel wichtiger ist: Der neue Tunnel komplettiert den Schweizer Abschnitt des für den europäischen Warenverkehr so wichtigen Korridors von den Nordseehäfen über Deutschland zum Mittelmeer. Mit seiner Hilfe soll mehr Fracht von der Straße auf die umweltfreundlichere Schiene gelenkt werden.

Gotthardtunnel |

Die Alpentunnel sollen den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene bringen.

Da die neue Strecke kaum Steigungen hat, entfällt das Teilen langer Güterzüge. Unnötig wird auch der Einsatz zusätzlicher Loks, die die tonnenschwere Fracht über die Berge schieben.

Der Chef der Schweizerischen Bundesbahnen, Vincent Ducrot, rechnet mit einer Kapazitätssteigerung von 30 Prozent, auch weil mehr Züge auf der Strecke unterwegs sein können. "Wir erwarten 270 pro Tag und Seite. Das ist recht viel." Man könne viel längere Züge mit 750 Meter einsetzen. Die jetzigen Züge seien nur 600 Meter lang und könnten 1500 Tonnen Ladung transportieren. "Wir gehen jetzt auf 2100 Tonnen hoch", erklärt Ducrot.

Verzögerungen auf deutscher und italienischer Seite

Doch das Projekt kann seine Trümpfe noch nicht ausspielen, denn die Zulaufstrecken in Italien und Deutschland sind noch nicht fertig. Vor allem die Deutschen hinken mit dem Ausbau der Rheintalbahn zwischen Karlsruhe und Basel hinterher. Die Schweizer Bundespräsidentin und Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga spricht Klartext: "Deutschland hat Verspätung. Das ist ein Problem."

Planfeststellungsverfahren, Umweltprüfungen und Einsprüche von Anliegern verzögerten bislang den vierspurigen Ausbau der Strecke, ebenso wie das Tunnelunglück von Rastatt 2017.

Die Verzögerungen ärgern auch Transportunternehmen in Deutschland, zum Beispiel Frank Huster, den Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Spedition und Logistik: "Für die Logistik bedeutet das jetzt weiter Hindernisse, weil Lkw sich mühsam über die Alpen quälen müssen oder bestimmte Güter auf der Schiene eben noch nicht verladen werden können. Der Vorteil, der mit dieser neuen Stecke verbunden werden soll, ist ja auch, dass Sendungsgrößen bis vier Meter Höhe - das heißt ganze Lkw - dann auf der Schiene befördert werden könnten."

Ceneri-Basistunnel | dpa

Die Schweizer sind fertig - in Italien und vor allem Deutschland hakt der Schienenausbau. Bild: dpa

Schweiz als Vorbild

Doch es gebe berechtigte Anliegen der Bürgerinnen und Bürger, wie Lärm- und Umweltschutz, die man ernst nehme, so versichert Michael Güntner, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Dennoch werde es mit Volldampf vorangehen mit dem Ausbau der Zulaufstrecke, sagt er beim Ortstermin in der Schweiz: Bis 2031 werde man 78 Prozent der Rheintalbahn ausgebaut haben und bis 2035 die gesamte Rheintalbahn. Dann werde es noch einige Jahre dauern, bis die gesamte Strecke mit 250 Stundenkilometern befahrbar sei. "Aber 2035 wird schon mal ein entscheidender Schritt sein, wenn die Rheintalbahn viergleisig sein wird", so Güntner.

Die Schweiz, die mit dem Ceneri-Basistunnel ihren Teil der Trasse nun fertiggestellt hat und die den Personen- und Güterverkehr auf der Schiene erfolgreich fördert, solle man als Modell ansehen, sagt Bundespräsidentin Sommaruga. Sie erwartet von den Deutschen "das Bekenntnis, dass sie jetzt den Termin, den sie für die Fertigstellung dieser Nordzulaufstrecken gesagt haben, dass der auch tatsächlich eingehalten wird". Denn der Verkehrskorridor funktioniere nur, wenn alle Staaten dabei sind.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. September 2020 um 12:00 Uhr.