Demonstranten protestieren auf dem Time Square nach Schüssen eines Polizisten auf einen Schwarzen in Kenosha | JUSTIN LANE/EPA-EFE/Shutterstock

"Cancel Culture" in den USA Niedergang der Debattenkultur?

Stand: 03.09.2020 10:03 Uhr

Die USA diskutieren derzeit über die "Cancel Culture", die "Kultur des Boykottierens" von Aussagen oder Personen. Einige sehen darin die Debattenkultur gefährdet, andere ein Mittel für Minderheiten, sich Gehör zu verschaffen.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

"Cancel Culture" ist zu einem Reizwort in den USA geworden. Was "Cancel Culture" ist, sein soll, und ob sie gerechtfertigt ist oder gefährlich, das wird derzeit diskutiert, in den Feuilletons, Universitäten, in den Medien.

Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

"Cancel Culture" frei übersetzt heißt etwa "die Kultur des Absagens, Boykottierens". Zum Beispiel, wenn eine Person etwas sagt, das als rassistisch, sexistisch, diskriminierend gilt und sie daraufhin aus sozialen oder beruflichen Kreisen ausgeschlossen wird. Oft kommt eine hohe Aufmerksamkeit in den sozialen Medien hinzu, so dass die Person beschimpft und verunglimpft wird.

Auch "Vom Winde verweht" wurde gecancelt

Beispiele für "Cancel Culture" gibt es zahlreiche und sehr unterschiedliche. So auch im Bereich TV und Film: Der Hollywood-Klassiker "Vom Winde verweht", auch er wurde - zeitweise - gecancelt. Der Film wurde zunächst vom Streamingdienst "HBO Max" von der Plattform genommen und durch Hinweise ergänzt. Nämlich dahingehend, dass der Film aus dem Jahr 1939, der zur Zeit des Bürgerkrieges in den 1860er-Jahren in den Südstaaten der USA spielt, Sklaverei verharmlose. Schwarze versklavte Menschen würden als dümmlich und folgsam dargestellt, ihre weißen Sklavenhalter als nobel und gütig. Eine rassistische Verzerrung der Geschichte.

Der Vorwurf, dass der Film rassistische Elemente in sich trage, ist nicht neu. Durch die "Black Lives Matter"-Proteste und den Fokus auf den Rassismus in den USA hat er aber wieder an Fahrt aufgenommen. Auch die Reality-TV Serie "Cops" wurde gecancelt, also tatsächlich abgesetzt. Dort werde die Polizeiarbeit glorifiziert, hieß es. 

"Cancel Culture" als Mittel für Minderheiten

Auch der Fall von Amy Cooper gehört in den Kontext der "Cancel Culture". Cooper hatte im New Yorker Central Park die Polizei alarmiert. Ein Mann hatte sie darum gebeten, ihren Hund anzuleinen - dort herrscht Leinenpflicht. Der Mann selbst hatte im Park Vögel beobachtet. Cooper erklärte am Telefon, von einem schwarzen Mann bedroht zu werden. Der Betroffene filmte ihre Reaktion, die sich als äußerst übertrieben darstellte.

Die Folge für Amy Cooper war ein Shitstorm in den sozialen Medien, außerdem verlor sie ihren Job. Für viele Kommentatoren spiegelte Amy Coopers Verhalten das wider, was viele schwarze Menschen jeden Tag in den USA erleben: Vorurteile und Hass nur aufgrund einer Hautfarbe.

"Cancel Culture" sei ein Mittel, das - vor allem Minderheiten und Menschen ohne eine starke Lobby in der Gesellschaft - helfen könne, sich Gehör zu verschaffen, sagt Medienwissenschaftlerin Meredith Clark von der University of Virginia dem Sender CBS. "So können sich normale Menschen ein Stück Macht zurückerobern", sagt Clark.

Druckmittel für Linke?

Aus Sicht vieler konservativer Amerikaner ist "Cancel Culture" kein Hilfsmittel für Minderheiten, sondern ein Druckmittel der Linken. Auch Präsident Donald Trump hat sich wiederholt kritisch dazu geäußert:

Cancel Culture": Menschen aus ihren Jobs vertreiben, Andersdenkende beschämen und Gehorsam zu fordern von allen, die nicht zustimmen. Das ist die Definition von Totalitarismus und hat keinen Platz in den USA." 

Doch auch in eher liberalen und links-geprägten Kreisen wird über "Cancel Culture" debattiert. Das Magazin "Harpers Bazaar" beispielsweise veröffentlichte einen offenen Brief, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Autorinnen wie J.K. Rowling oder die Autoren Salman Rushdie oder Daniel Kehlmann ihre Sorge äußerten, die Debattenkultur in den USA sei in Gefahr. 

Kontroverse um Beiträge der "New York Times"

Eine der Unterzeichnerinnen des Briefes, die Journalistin Bari Weiss, hatte für Aufruhr gesorgt, als sie der Zeitung "New York Times" den Rücken kehrte und schrieb, dass ihre konservativen Ansichten, für die man sie in das Meinungs-Ressort der Zeitung geholt hatte, nicht erwünscht seien. Zuvor schon hatte der Chef desselben Ressorts gekündigt, weil es eine Kontroverse um den Beitrag eines republikanischen Hardliners gegeben hatte. In dem Artikel "Send in the Troops" hatte sich der republikanische Senator Tom Cotton für die Entsendung des Militärs zu den "Black Lives Matter"-Protesten ausgesprochen. 

Einen Niedergang der Debattenkultur beklagt auch die nigerianische Bestseller-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die in den USA lebt und als Sprachrohr eines neuen Feminismus gilt. Sie hatte in einem Interview gesagt, dass es einen Unterschied gebe zwischen Transfrauen und biologischen Frauen und daraufhin viel Kritik auch in den sozialen Medien erlebt. Adichie äußerte sich danach in einem Interview mit dem Magazin "The New Yorker":

Natürlich meinte ich damit nicht, dass Transfrauen nicht zum Feminismus gehören. Ich habe nur nicht die richtige Sprache dazu gewählt. Die Linke ist gewillt, eine komplexe Wahrheit auszuschließen. Ich musste mir auf einer öffentlichen Bühne 30 Minuten lang anhören, dass ich Transfrauen damit töte, kein Mitgefühl hätte! Die Antwort ist keine Debatte, sondern dich stumm zu machen. Und das finde ich problematisch.

Die Debatte um "Cancel Culture" zeigt sehr deutlich, wie tief die Gräben in den USA sind, nicht nur zwischen linksliberal und rechtskonservativ, sondern auch inmitten der eigenen Reihen.

Dieser Beitrag lief am 03. September 2020 um 17:53 Uhr im Deutschlandfunk.