Ein Mann wickelt sich in eine Decke | FEHIM DEMIR/EPA-EFE/Shutterstock
Reportage

Nach Feuer im Camp Lipa Verzweiflung pur

Stand: 04.01.2021 17:31 Uhr

Nach dem Feuer im bosnischen Camp Lipa sind noch immer 900 Flüchtlinge obdachlos. Bei Eiseskälte schlafen sie in selbstgebauten Plastikverschlägen und dünnen Zelten auf dem nackten Boden. Die Nerven liegen blank.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

Es ist ein eisiger Morgen im Camp Lipa, als es Iman Amini reicht. Der dunkelhaarige Iraner hat wieder eine nicht enden wollende Nacht draußen verbracht - in seinem dünnen Plastikzelt auf dem blanken Boden mitten im Nichts im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina.

Andrea Beer ARD-Studio Wien

"Ich heiße Iman", sagt er zunächst ganz ruhig. "Ich bin seit sechs Monaten in Bosnien. Vorher war ich zwei Jahre in Griechenland, doch es gab Probleme mit den Papieren dort." Mit 36 Jahren ist Amini, der aus Isfahan kommt, älter als die meisten hier. Sein bärtiges Gesicht ist eingefallen, er hat Ringe unter den Augen und macht einen zerstörten Eindruck.

"Vielleicht bin ich bald tot"

Amini stellt sich aufrecht hin und öffnet langsam den Reißverschluss seiner Jacke, zieht sie dann aus und wirft sie auf den nassen Boden. "Vielleicht bin ich bald tot", sagt er. "Denn wenn Europa sagt, dass es uns hier hilft, dann lügen sie. Alle."   

Er nimmt den schmalen gestreiften Schal vom Hals, setzt die schwarze Mütze ab und zieht sich dann seine beiden dünnen Pullover über den Kopf. Auch diese Kleidungsstücke wirft er auf den Boden und steht dann da, mit nacktem, tätowiertem Oberkörper mitten im eisigen bosnischen Winter.

"Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen"

"Wir haben kein Essen, wir haben kein Zuhause, wir haben kein gutes Leben, wir haben nichts! Was ist das hier? Ihr seid Merkel, ihr seid Europäer! Fuck you! Fuck you!", ruft Amini verzweifelt.

Dann hält er inne und sein Blick wandert zu den anderen Flüchtlingen hinüber. Einige stehen um ein offenes Feuer herum, das in einem rostigen Mülleimer brennt. Nicht alle haben feste Schuhe an, ein paar nicht einmal Strümpfe. Einige haben stark geschwollene Augen, sie zittern und sind offenbar krank. Sie beobachten Amini neugierig und etwas verlegen. "Kommt zu mir herüber", ruft er ihnen zu.

Eine Gruppe versammelt sich um Amini, der Ziaullah Zaheer kurzerhand zum Dolmetscher bestimmt. Was der 26-jährige Afghane aus Kunar direkt ins Englische übersetzt und was er von sich aus hinzufügt, ist nicht klar, doch die Botschaft ist deutlich: "Ihr sollt uns nicht wie Tiere behandeln. Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen."

Zerrieben von tatenloser Politik

Ein junger Mann zieht seinen grauen Kapuzenpulli über den Kopf und steht ebenfalls mit nacktem Oberkörper da. "Nackt im Winter? Ist doch egal." Sie seien doch ohnehin Freiwild für alle, ruft Amini sinngemäß und Ziaullah Zaheer übersetzt. "Ihr verbringt jetzt alle gute Tage und habt ein gutes Leben und wir sind hier. Warum habt ihr kein Mitgefühl? Warum zeigt ihr keine Menschlichkeit?"

Amini ist es an diesem eisigen Morgen einfach leid, irgendein Namenloser in Bosnien und Herzegowina zu sein. Ein Niemand im Nichts, zerrieben von tatenloser Politik. Und das brüllt er verzweifelt in die Welt hinaus.

"Tut mir leid", sagt Amini dann und streckt seine Hand aus. Ein verzweifelter Iraner aus Isfahan, dem es an diesem eisigen Morgen im Camp Lipa einfach reicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Januar 2021 um 13:19 Uhr.