Durchsuchung bei Cambridge Analytica in London | Bildquelle: AP

Facebook-Datenskandal Razzia bei Cambridge Analytica

Stand: 24.03.2018 17:57 Uhr

Ermittler haben die Analysefirma Cambridge Analytica durchsucht. Das Unternehmen soll Millionen Facebook-Daten unrechtmäßig gesammelt und die US-Wahlen sowie das Brexit-Referendum beeinflusst haben.

Im Skandal um die unerlaubte Nutzung von Facebook-Daten für Wahlkampfzwecke ist die Londoner Zentrale der Beratungsfirma Cambridge Analytica durchsucht worden.

Das Unternehmen steht unter Verdacht, Millionen US-Wähler im Internet gezielt mit verbotener Wahlwerbung für Donald Trump beeinflusst zu haben. Geholfen haben sollen dabei unrechtmäßig gesammelte Facebook-Daten.

Durchsuchung dauerte sieben Stunden

Am Freitagabend um kurz nach sieben Uhr Ortszeit gab Richter Leonard vom Londoner High Court grünes Licht für die Durchsuchung. Keine Stunde später standen die Ermittler vor der Tür von Cambridge Analytica in der New Oxford Street in der Londoner Innenstadt.

18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der britischen Datenschutzbehörde ICO (Information Commissioner's Office) durchsuchten die Londoner Zentrale des Unternehmens. Erst nach sieben Stunden verließen sie das Gebäude unter anderem mit einem Lieferwagen, in dem britische Medien Beweismaterial vermuten.

Ein Polizeiauto fährt an dem Firmensitz von Cambridge Analytica in London vorbei. | Bildquelle: AFP
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Ermittler haben den Londoner Sitz von Cambridge Analytica durchsucht.

Insgesamt fünf Stunden Anhörung an vier Tagen waren dem Durchsuchungsbefehl im Laufe dieser Woche vorausgegangen. Der auch für Digitales zuständige britische Kulturminister Matt Hancock deutete deshalb inzwischen an, dass die Regierung über einen Ausbau der Befugnisse für die Datenschützer des ICO nachdenke, wenn es um den möglichen Missbrauch von persönlichen Daten gehe.

Nur ein Teil größerer Ermittlungen

"Das ist nur ein Teil größerer Ermittlungen zur Verwendung persönlicher Daten und Analysen für politische Zwecke", hieß es in einer Mitteilung auf der ICO-Webseite. Man werde nun Beweise sichern, auswerten und bewerten, bevor Schlüsse gezogen würden.

ICO-Chefin Elizabeth Denham hatte den Durchsuchungsbeschluss beantragt, weil die Firma "innerhalb einer gesetzten Frist nicht auf eine Anfrage geantwortet hat".

Cambridge Analytica soll mit seiner Datenauswertung zum Sieg Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 wesentlich beigetragen haben. Auch die Rolle des Unternehmens in der Kampagne zum Brexit-Referendum im Jahr 2016 ist dem "Guardian" zufolge Gegenstand von Ermittlungen der britischen Wahlkommission.

Eine ehemalige Mitarbeiterin der Beratungsfirma sagte, Cambridge Analytica habe mit der Kampagne für den EU-Austritt des ehemaligen Ukip-Sponsors Arron Banks ("Leave.EU") zusammengearbeitet, das aber später abgestritten.

Cambridge Analytica kündigt eigene Untersuchung an

Der Ex-Vorsitzende von Cambridge Analytica, Alexander Nix | Bildquelle: ALEX HOFFORD/EPA-EFE/REX/Shutter
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Der Ex-Vorsitzende von Cambridge Analytica, Alexander Nix, hatte sich und sein Unternehmen mit der Beschreibung illegaler Praktiken vor versteckter Kamera in Schwierigkeiten gebracht.

Der bisherige und langjährige Geschäftsführer des Unternehmens, Alexander Nix, war am Dienstag suspendiert worden. Nix hatte sich vor verdeckt arbeitenden Reportern zu Strategien geäußert, mit denen politische Konkurrenten diskreditiert werden können.

Cambridge Analytica war am vergangenen Wochenende von Facebook ausgesperrt worden. Das Unternehmen habe unrechtmäßig erhaltene Nutzerdaten entgegen früheren Zusicherungen nicht gelöscht, erklärte das Online-Netzwerk zur Begründung. Die Firma bestreitet dies. Sie kündigte eine eigene Untersuchung an, um sicherzugehen und zu belegen, dass die Daten nicht mehr in ihrem Besitz sind.

Zugleich entschuldigte sich Geschäftsführer Alexander Tayler in einer Mitteilung auf der Internet-Seite des Unternehmens dafür, dass eine Tochtergesellschaft im Jahre 2014 Facebook-Daten zur Nutzung freigegeben habe, für die seitens der meisten Nutzer keine Zustimmung vorlag. Cambridge Analytica habe geglaubt, dass die Daten in Übereinstimmung mit den Richtlinien von Facebook und den Datenschutzgesetzen erworben worden seien, schreibt Taylor.

Daten von 50 Millionen Nutzern ausgespäht

Im folgenden Jahr seien die Daten gelöscht und später die Löschung noch einmal überprüft worden. Ausdrücklich erklärt Tayler, nichts davon sei von Cambridge Analytica bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 verwendet worden.

Nach Informationen der "New York Times" und des "Guardian" sollen Informationen von rund 50 Millionen Facebook-Mitgliedern zu Cambridge Analytica gelangt sein. Um sie zu sammeln, wurde eine Umfrage zu Persönlichkeitsmerkmalen aufgesetzt, die bei Facebook als wissenschaftliche Forschung angemeldet wurde. Die Daten sollen dann ohne Wissen der Nutzer an Cambridge Analytica gegangen sein.

Facebook unter Druck

Facebook steht seit Bekanntwerden des Skandals massiv in der Kritik und hat als Reaktion Verbesserungen bei der Kontrolle der Privatsphäre versprochen. Die US-Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission (FTC) leitete nach Informationen der "Washington Post" inzwischen eine Untersuchung gegen Facebook ein.

Ranghohe US-Politiker forderten unterdessen Unternehmenschef Mark Zuckerberg auf, sich vor einem Ausschuss in Washington kritischen Fragen zu stellen. Auch der Vorsitzende des britischen Parlamentsausschusses für Digitales und Medien, Damian Collins, erwartet Antworten von Zuckerberg.

Mit Informationen von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. März 2018 um 01:00 Uhr.

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