Bundeswehrsoldaten im Feldlagers Kundus (Archivbild vom 03.10.2013) | dpa
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Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr Letzte Soldaten haben Kundus verlassen

Stand: 26.11.2020 17:19 Uhr

Es ist ein historischer Schritt: Die Bundeswehr hat ihre restlichen Soldaten aus Kundus abgezogen, bestätigte das Einsatzführungskommando dem ARD-Hauptstadtstudio. Völlig eingestellt werden soll die Mission aber nicht.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist eine Ära, die im nordafghanischen Kundus zu Ende geht: Sämtliche der zuletzt noch rund 100 verbliebenen Bundeswehr-Soldaten sind nun ausgeflogen, eine dauerhafte deutsche Militärpräsenz wird es dort nun nicht mehr geben.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Camp Pamir, so nennt sich das Bundeswehrcamp in Kundus, das an ein afghanisches Feldlager angedockt ist. Das Camp soll aber nicht vollkommen aufgegeben werden: Um die einheimischen Sicherheitskräfte weiter unterstützen zu können, sollen die Deutschen jeweils bei Bedarf per Helikopter eingeflogen werden. Das bestätigt ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam dem ARD-Hauptstadtstudio. "Fly to advise" - "Fliegen, um zu beraten" so wird diese Praxis im Bundeswehrjargon genannt.

Wichtigster und gefährlichster Standort

Kundus galt jahrelang als einer der wichtigsten, aber auch gefährlichsten Standorte der Deutschen in Nordafghanistan. In den Jahren 2009/2010 etwa wurden Bundeswehrsoldaten hier fast täglich in Gefechte mit den Taliban verwickelt.

Im September 2009 befahl ein deutscher Oberst den Abwurf von zwei Bomben auf von den Islamisten entführte Tanklaster, bei dem auch Dutzende Zivilisten starben. Am Karfreitag 2010 wurden deutsche Soldaten in das schwerste Gefecht seit Bestehen der Bundeswehr verwickelt, vier Bundeswehr-Kameraden kamen ums Leben. 2013 dann - zehn Jahre nach dem Beginn des Einsatzes in Kundus - erfolgte der Abzug aus dem dortigen Feldlager. Trotzdem blieben die Deutschen in der Provinz weiter dauerhaft präsent - bis heute.

Entscheidung fiel bereits im Spätsommer

Die Entscheidung, auch das Camp Pamir zu verlassen, traf der Kommandeur der NATO-Ausbildungsmission "Resolute Support" bereits im Spätsommer. Mit der von Präsident Donald Trump verkündeten Verringerung der US-Truppen in Afghanistan auf 2500 Soldaten bis Mitte Januar hängt sie also nicht zusammen.   

Der mit den Bündnispartnern und der Bundesregierung nicht abgestimmte Beschluss des scheidenden US-Präsidenten hatte Spekulationen darüber ausgelöst, ob die Deutschen unter diesen Umständen überhaupt noch in Nordafghanistan bleiben können.

Denn die Bundeswehr ist darauf angewiesen, dass die US-Truppen ihnen im Ernstfall mit Kampfjets als Luftunterstützung oder mit medizinischen Transportflügen zur Seite stehen. Beschlossen ist bislang noch nichts. "Wir müssen bewerten, wie die politische Entscheidung militärisch umgesetzt wird", sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums auf Nachfrage.

NATO-Außenminister beraten kommende Woche

Kommende Woche werden sich die Außenminister der NATO mit dem Thema Afghanistan befassen. Es gilt jedoch mittlerweile als wahrscheinlich, dass die Entscheidung über einen endgültigen Abzug oder Verbleib der westlichen Truppen am Hindukusch über den 30. April 2021 hinaus erst im Februar fällt.

Derzeit ist die Bundeswehr noch mit mehr als 1200 Soldaten in Afghanistan - die meisten von ihnen am Standort Masar-i-Sharif.