Der bulagrische Oligarch Bozhkow | Bildquelle: REUTERS

Ermittlungen in Bulgarien Glücksspiel-Oligarch auf der Flucht

Stand: 18.02.2020 09:02 Uhr

Glücksspiel ist in Bulgarien sehr beliebt. Ein Oligarch wurde mit seiner Sofortlotterie reich, nun wird gegen ihn ermittelt. Aus Angst floh der 63-Jährige in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Sofortlotterie heißt das Glücksspiel, das bislang dem reichsten Mann des Landes Wassil Bozhkow gehörte. Es ist in Bulgarien, einem Glücksspiel-Eldorado, äußerst beliebt: Rund 60 Prozent der Bevölkerung machten mit. Es spielten vor allem die Älteren, Ärmeren, Arbeitslose. Experten schätzen, dass besonders auf dem Land viele ärmere Menschen die Hälfte bis zwei Drittel ihrer Einkommen für Lotteriescheine ausgegeben haben: "Ich kaufe Lotteriescheine, denn ich gewinne kleine Summen, die mir gleich ausgezahlt werden" berichtet ein Lotterie-Teilnehmer.

Seit 2014 wurden die Sofort-Lotteriescheinen nahezu überall verkauft: Auf den Postämtern, wo die Pensionäre ihre Renten, die Arbeitslosen ihr Arbeitslosengeld und die Armen ihre Sozialhilfe abholen, in den kleinen Lebensmittelläden und den großen Handelsketten, den Cafés, sogar an den Zeitungskiosken in den Krankenhäusern.

"Stellen Sie sich vor: 60 Prozent spielen, gleichzeitig sind 80 Prozent für die Begrenzung und sogar für das Verbot des Glücksspiels", berichtet Tichomir Beslow, Sicherheits- und Kriminalitätsexperte am Zentrum für Demokratieforschungen in Sofia. "Die Leute kennen das Problem, aber sie sind abhängig. Es ist sehr schwierig zu widerstehen, wenn der Zugang so leicht ist: Der Schein kostet einige Lewa und kann überall gekauft werden", sagt Beslow.

Lottoladen in Sofia (Archivbild) | Bildquelle: imago stock&people
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Lotto-Laden in Sofia. Viele Bulgaren hoffen auf Gewinne aus dem Glücksspiel.

Angeklagt und geflohen

Der Jahresumsatz betrug zuletzt rund 770 Millionen Euro. Die Gewinne: zunächst steuerfrei, dann sehr niedrig besteuert. Für Bozhkow, den bisherigen Besitzer der Sofortlotterie, war das Glücksspiel eine wahre Goldgrube. Der 63-jährige Oligarch - genannt der "Schädel" - hatte bis vor wenigen Wochen als reichster Mann Bulgariens nichts von Politik und Justiz zu befürchten. Das änderte sich, als er Ende Januar in elf Punkten angeklagt wurde - unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Leitung einer organisierten kriminellen Gruppierung, Erpressung, Bestechungsversuch von Beamten, Besitz von kulturellen und historischen Wertgegenständen, die nicht gesetzmäßig registriert wurden.

Gegen ihn wird auch wegen Mordes und Vergewaltigung ermittelt. Bozhkow floh umgehend in die Vereinigten Arabischen Emirate, die kein Auslieferungsabkommen mit Bulgarien haben. "Wir werden alles Mögliche tun, um den angeklagten Bozhkow aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurück zu bringen", sagt Bulgariens Generalstaatsanwalt Iwan Geschew. "Es gibt keine Unberührbaren mehr, es ist vorbei. Das muss zu Ende gehen. Nicht, weil die Staatsanwaltschaft das will, sondern weil die bulgarischen Bürger es wollen."

"Nur an bestimmten Orten spielen"

Schon 2018 wollte Waleri Simeonow, Abgeordneter von der nationalistischen Koalition "Vereinigte Patrioten", gegen die Sofortlotterie angehen. Sein Gesetzentwurf, mit dem die Verkaufsorte der Lotteriescheine und die massive Werbung für die Sofortlotterie stark begrenzt werden sollten, lief zunächst ins Leere. Nach einem Treffen zwischen Bozhkow und Ministerpräsident Bojko Borissow wurde damals der Gesetzentwurf plötzlich "vergessen".

Jetzt ist das Gesetz geändert worden. "Wir wollen so schnell wie möglich dieser Lepra ein Ende setzen", sagt Waleri Simeonow. "Die Glücksspiele soll man nur an bestimmten Orten spielen, die eine Lizenz dafür haben. Der Umfang der Lotterie ist riesig. In die Lotteriespiele seien sogar Kinder einbezogen, denn die Scheine würden in jedem Lebensmittelladen verkauft. "Es geht hier um das Wertesystem der ganzen Nation, der ganzen Bevölkerung."

Ein Mann sitzt an einem Geldspielautomaten
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Mit geänderter Gesetzgebung will Bulgarien das Glücksspiel bekämpfen. Betroffen sind jedoch nicht alle Spielformen.

Händler bleiben auf Scheinen sitzen

Mit aggressiver Werbung lockte die Sofortlotterie immer neue Kunden: Jeden Tag zeigte der zweitgrößte Fernsehsenders Nowa TV zur besten Sendezeit einfache Menschen, die über Nacht das große Geld gewonnen hatten. Nur: Keiner der "Millionäre" erhielt je seine Millionen. Das Geld sollte im Laufe von bis zu 20 Jahren gezahlt werden.

Betroffen von dem neuen Glücksspielgesetz sind Tausende von Händlern, die bisher Lotteriescheine verkauft haben. Sie besitzen Lotteriescheine für insgesamt ca. 13,8 Millionen Euro, die vernichtet werden sollen. "Es ist einfach schrecklich. Man soll eine Übergangsfrist für solche Änderungen geben, es geht nicht von heute auf morgen. Die Scheine habe ich bezahlt" klagt ein Händler. Er habe Scheine im Wert von etwas mehr als 150 Euro. Das sei für manche Leute nichts, "aber für mich ist das viel Geld". "Man investiert Geld, und am Ende wird man beschissen", klagt er.

"Offensichtlich kein Interesse an Kontrolle aller Glücksspielarten"

Das neue Gesetz lässt jedoch alle Casinos und Spielhallen außen vor. Enteignet wird nur der flüchtige Oligarch Bozhkow, dem die größte und kostbarste private Antiquitäten-Sammlung auf dem Balkan gehört. Auch diese wurde nun beschlagnahmt.

"Wir hatten einen Oligarchen, der jahrzehntelang vor jeglichen Kontrollen aller Behörden beschützt wurde", sagt der bulgarische Finanzexperte Bojko Dimitrow. "Aus unklaren Gründen hat eine Attacke gegen ihn angefangen. Der schützende Schirm war auf einmal weg. Offensichtlich steht der gleiche Schirm aber immer noch über den Köpfen anderer Glücksspiel-Bosse, die die Gesetze vielleicht nicht so drastisch brechen, aber auch riesige Umsätze verzeichnen. Offensichtlich besteht kein Interesse an einer strikten Kontrolle aller Glücksspielarten."

Bulgarien verstaatlicht das Lotteriespiel
Clemens Verenkotte, ARD Wien
18.02.2020 08:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Februar 2020 um 05:50 Uhr.

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