Passanten in der Haupteinkaufsstraße in Brüssel, Belgien. | Bildquelle: OLIVIER HOSLET/EPA-EFE/Shutterst

Corona-Krise in Brüssel Mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer

Stand: 04.05.2020 10:30 Uhr

Tempo 20 im Stadtzentrum, die City als Rad- und Fußgängerzone, um in engen Gassen genug Abstand halten zu können: Brüssels Behörden regeln in der Corona-Krise den Stadtverkehr neu.

Von Astrid Corall, ARD-Studio Brüssel

Es ist ungewohnt ruhig in der Brüsseler Innenstadt. Wegen der Corona-Einschränkungen haben Geschäfte geschlossen, sind deutlich weniger Menschen und Autos als sonst unterwegs. Vor ihrer Wohnung steht eine junge Mutter und berichtet: "Wir können gerade die Straße ein bisschen mehr nutzen. Die Kinder können spielen und Radfahren, ohne Autos, die zu schnell fahren und ohne den Lärm, den wir hier sonst haben."

Die Straße mit dem Kopfsteinpflaster liegt im inneren Ring von Brüssel mit seiner historischen Altstadt. Genau dort also, wo sich eine Verkehrswende vollziehen soll, eine "Velorution" wie manche sagen - eine Fahrrad-Revolution. Radler, aber auch Fußgänger sollen in der Innenstadt Vorrang und mehr Platz bekommen und die Straße komplett nutzen können. Während gleichzeitig Autos, Busse und Straßenbahnen nur noch höchstens 20 Kilometer pro Stunde fahren dürfen.

Straße in Brüssel | Bildquelle: AFP
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Viele Brüsseler Straßen sind sehr schmal. Fußgänger sollen deshalb künftig auf der Straße gehen dürfen.

Mehr Platz für Fußgänger

Damit, erklärt Bürgermeister Philippe Close von der Sozialistischen Partei, soll es den Bürgern leichter gemacht werden, nach der Lockerung der Einschränkungen den gebotenen Abstand einhalten zu können: "Viele Straßen in Brüssel sind sehr schmal. Die Menschen haben Probleme, Abstand zu halten. Wir wollen es ermöglichen, dass Fußgänger auf der Straße gehen und zwei Fahrräder nebeneinander fahren können." Von einer Zone der Begegnung spricht der Bürgermeister und von einem neuen Lebensstil für die Einwohner.

Die Reaktionen auf die Pläne sind allerdings gemischt. Eine Anwohnerin findet die Idee toll. Ein Taxifahrer meint, man müsse dann eben etwas vorsichtiger fahren, aber das werde schon klappen.

Angst vor chaotischer Verkehrssituation

Kritiker halten es dagegen für gefährlich, dass Fußgänger auf der Straße gehen können. Manche warnen, die Innenstadt werde zu einem Treffpunkt, der die Massen anziehe. Sie befürchten, dass die Verkehrssituation in Brüssel insgesamt noch chaotischer wird.

Die Autofahrer müssten vor allem gut über das Tempolimit im Stadtzentrum informiert werden, so Jesse Pappers. Er ist Verkehrsexperte von der Freien Universität Brüssel. "Danach muss man dann eben konsequent sein. Bußgelder von denen kassieren, die sich nicht dran halten", so Pappers. Im Straßenverkehr müsse baulich ganz klar gemacht werden, "hier gilt Tempo 20, Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang".

Bahnhof in Brüssel
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Die Brüsseler Behörden hoffen, dass manch Pendler aufs Rad umsteigen wird.

Bau neuer Radwege geplant

Die Corona-Krise führt auch an anderer Stelle zum Umdenken. Wenn wieder mehr Bürger ins Büro oder zum Einkaufen ins Zentrum fahren, könnten Busse und Bahnen zu voll und der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden. Damit das nicht passiert und damit die Menschen ihr Auto häufiger stehen lassen, soll Brüssel auch insgesamt 40 Kilometer neue Radwege bekommen.

Die grüne Verkehrsministerin der Region Brüssel, Elke van den Brandt, sagte im belgischen Fernsehen: "Wir dürfen nicht zurück zum 'business as usual'. Wir müssen diesen Moment nutzen, um einen guten Neustart zu gewährleisten und wir müssen die Menschen ermutigen, mehr zu Fuß zu gehen und Fahrrad zu fahren." So solle der Verkehrsdruck in Brüssel etwas entlastet werden.

Konzept soll in drei Monaten bewertet werden

Einige Kilometer neue Radwege gibt es bereits. An anderen wird gearbeitet. Die verkehrsberuhigte Zone in der Innenstadt lässt noch auf sich warten. Es müssten letzte Vorbereitungen getroffen, zum Beispiel Schilder aufgestellt werden, heißt es im Brüsseler Rathaus. Im Laufe dieser oder nächster Woche soll es aber losgehen.

Drei Monate nach dem Start wollen die Behörden das Konzept bewerten. Erst dann wird sich zeigen, wie nachhaltig die Verkehrswende tatsächlich ist.

Vorrang und mehr Platz für Brüssels Fußgänger und Radfahrer
Astrid Corall, ARD Brüssel
03.05.2020 23:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Mai 2020 um 08:50 Uhr.

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