Eine Feuerstelle an der Ausgrabung Shubayqa 1, in der brotähnlichen Produkte von Archäologen entdeckt wurden. | Bildquelle: dpa

14.000 Jahre alte Teigklumpen Forscher entdecken ältestes Brot

Stand: 17.07.2018 03:15 Uhr

In Jordanien wurden rund 14.000 Jahre alte verkohlte Teigreste gefunden. Die Funde werfen ein neues Licht auf die Geschichte der Landwirtschaft: Offenbar backten die Menschen schon Brot, bevor sie Getreide anbauten.

Von Gabor Paal, SWR

War das erste Brot eine Delikatesse, die Menschen vor 14.000 Jahren ihren Gästen servierten - zusammen mit einem berauschenden, bierähnlichen Getränk? Oder diente es ganz praktisch als leichtes, haltbares und nahrhaftes Lebensmittel, das die Jäger und Sammler beim Weg durch die Wüste gut transportieren konnten? Diese Fragen stellt sich jetzt nach dem jüngsten Fund in der jordanischen Wüste Harrat Ash-Shaam.

"Schwarze Wüste" wird sie auch genannt. Basaltlava, wohin das Auge blickt. So trocken wie heute war sie jedoch nicht immer. Hier, 130 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Amman, befindet sich die Ausgrabungsstätte Shubayqa 1. Hier haben Menschen vor 15.000 bis 11.000 Jahren gelebt - die letzte Epoche, bevor sich der Ackerbau durchgesetzt hat. Archäologen sprechen von der Natufien-Kultur.

24 "brotartige" Essensreste

In Shubayqa zeugen Mauerreste von kleineren Gebäuden. Inmitten dieser Mauerreste befinden sich Feuerstellen. Und in diesen Feuerstellen fand ein dänisch-britisches Forscherteam nun 642 verkohlte Essensreste, von denen sie 24 als "brotartig" beschreiben. Sie werden auf ein Alter von 14.400 Jahren datiert - 4000 Jahre früher als die bisher ältesten direkten Belege für die Brotherstellung.

Die verkohlten, flachen Teigklumpen haben im Schnitt einen Durchmesser von etwa einem halben Zentimeter. Ihrer Form und Zusammensetzung nach habe es sich wahrscheinlich um eine Art ungesäuertes Fladenbrot gehandelt, schreiben Amaia Arranz-Otaegui von der Universität Kopenhagen und ihre Kollegen in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). In den Feuerstellen ebenso wie in den Teigklumpen wurden gleichzeitig Pflanzenreste gefunden, sowohl Einkorn als auch Wurzelreste von Strandsimsen.

Womöglich Proviant für die Reise

Die Analyse der Teigklumpen ergab: Die Gras- und Getreidekörner wurden gemahlen, gesiebt, und die Spreu wurde vom Korn getrennt. Ein aufwändiges Verfahren - viel mühsamer als Tiere zu jagen oder Früchte zu sammeln.

Aus all dem folgern die Forscher: Das Brot kann noch kein Hauptnahrungsmittel gewesen sein, eher ein Essen für spezielle Zwecke. Vielleicht eine Speise für bestimmte Anlässe? Möglicherweise diente es aber auch als Proviant, denn die Feuerstellen in Shubayqa 1 wurden offenbar nach dem letzten Feuer verlassen.

Brot oder Bier?                                                                               

Seit Jahren gibt es die These, dass der frühe Getreideanbau weniger zum Backen von Brot als der Herstellung einer Art Bier dient: einem süßlichen, alkoholhaltigen Getränk, das entsteht, wenn man Getreide mit Wasser und etwas Speichel versetzt und es so zum Gären bringt.

Die "Bier-Theorie" stützte sich unter anderem darauf, dass dieses primitive Bier einfacher herzustellen ist als Brot und dass das Essen von Brot auch erst viel später dokumentiert ist. Das letzte Argument könnte mit dem neuen Fund entkräftet sein.

Doch die Herstellung von Brot und Bier schließen sich nicht gegenseitig aus, meint der Ur- und Frühhistoriker Raiko Krauß von der Universität Tübingen. Das Bier könnte ein Nebenprodukt der Brotherstellung gewesen sein, "wenn man den Gärprozess einfach verlängert". Er hält die Funde seiner Kollegen in Jordanien für bemerkenswert, aber auch nicht unerwartet: "Dass die Menschen Getreide zu Brei oder einer Art Porridge oder Müsli verarbeiteten, legten schon frühere Funde von Mörsern und Reibsteinen nahe." Dass sie auch Brot backten, war zu vermuten. Ob die Funde aus Jordanien den Beweis liefern, sei möglich. Theoretisch könne es sich bei den "Brotresten" allerdings auch um Getreidebrei handeln, der zufällig ins Feuer gefallen sei.

Krauß findet die Funde aber aus einem anderen Grund bedeutsam: "Sowohl das Essen von gebackenem Brot wie auch das Trinken von Alkohol sind wichtige Kulturelemente. Traditionell werden sie erst sesshaften Gemeinschaften zugeschrieben. Der Fund aus Shubayka 1 zeigt sehr deutlich, dass bereits Jäger- und Sammlergesellschaften dazu in der Lage waren."

Mögliche Erklärung für Anfänge des Ackerbaus

Bis heute ist jedoch nicht geklärt: Warum wurden unsere Vorfahren überhaupt zu Landwirten? Warum begannen sie, Getreide anzubauen? Es lag sicher nicht daran, dass sie vorher nicht gewusst hätten, wie es geht. Darin wenigstens ist sich die Forschung weitgehend einig: Die grundlegenden Techniken kannte Homo sapiens schon Tausende Jahre vorher, aber erst nach dem Ende der Eiszeit begann er damit, Felder zu bestellen. Manche vermuten, dies geschah aus einer Not heraus. Aufgrund von Klimaänderungen wurde das Angebot an Fleisch und Früchten plötzlich knapp, so dass sich die Menschen gezwungen sahen, Getreide anzubauen.

Der Londoner Archäologe Dorian Fuller - Mitautor der Studie - schlägt eine andere Erklärung vor. Demnach seien die Menschen mit der Herstellung von Brot auf den Geschmack gekommen. "Der Wunsch, mehr von diesem besonderen Essen zu machen, hat wahrscheinlich zur Entscheidung beigetragen, Getreide anzubauen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Juli 2018 um 09:15 Uhr.

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