Blick in das Francis-Crick-Institute in London, das größte biomedizinische Forschungsinstitut in Europa | Bildquelle: AFP

Großbritannien Nach dem Brexit der Brain Drain?

Stand: 28.10.2018 05:22 Uhr

Viele Forscher aus der EU wissen nicht, was nach dem Brexit aus ihren Stellen an britischen Hochschulen wird. Während sie um ihre Karriere bangen, fürchten Professoren um den Wissenschaftsstandort Großbritannien.

Von Anne Demmer, ARD-Studio London

Jasmin Zohren hat ihre wissenschaftliche Karriere sogfältig geplant. An der Queen Mary Universität hat sie promoviert. Vor zwei Jahren bewarb sich die Biomathematikerin dann für einen Postdoc am Francis Crick Institute in London, dem größten biomedizinischen Forschungsinstitut in Europa. Doch dann kam das Referendum dazwischen. Rund 52 Prozent der Briten stimmten für den Brexit.

"Das Referendum war an dem Tag, als ich den Job hier bekommen habe, und das hat mich schon sehr beeinflusst. Ich habe schon stark gezweifelt, ob ich den Job annehmen möchte, ob ich hierbleiben will oder nicht", sagt sie.

Kollegen hätten ihr geraten, die Stelle anzutreten, weil das sehr gut für ihre Karriere sei. Sie hat den Job angenommen und ist trotz unsicherer Zukunft geblieben - vorerst.

40 Prozent der rund 1000 Institutsmitarbeiter kommen aus EU-Ländern wie Spanien, Frankreich und den Niederlanden. Wie es für sie weitergeht, kann ihnen derzeit niemand sagen.

Die Hälfte aller Forscher will das Institut verlassen

Zohrens Stelle wird aus EU-Geldern finanziert. "Im Prinzip wäre es ab April unsicher, ob ich weiter bezahlt werde. Ich habe die Sicherheit bekommen vom Institut und von meinem Boss, das ist natürlich sehr gut für mich. Aber das trifft sicherlich auch nicht auf alle zu und das ist jetzt erstmal für das nächste Jahr", sagt sie.

In der Wissenschaft müsse man auch in Betracht ziehen, was in zehn oder 20 Jahren passieren werde. "Und wenn dann weniger Forschungsgelder investiert werden oder weniger Kollaborationen möglich sind, dann ist das natürlich ein großes Problem."

Viele ihrer Kollegen überlegen sich bereits konkret, Großbritannien zu verlassen. Laut einer internen Umfrage sagten 78 Prozent der EU-Wissenschaftler des Instituts, dass es eher unwahrscheinlich sei, dass sie im Vereinigten Königreich bleiben würden, erklärt der Institutsleiter Paul Nurse.

 "Was aber noch schlimmer ist: Dass rund 50 Prozent aller Wissenschaftler hier am Institut sagen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie das Land verlassen werden, wenn ihr Vertrag ausläuft - wegen des Brexit." Ein Drittel davon sei sogar in Großbritannien aufgewachsen.

Der Biologe Paul Nurse erhielt 2001 den Nobelpreis für die Entdeckung von Schlüsselregulatoren der Zellteilung und -reifung. | Bildquelle: AFP
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Der Biologe Paul Nurse erhielt 2001 den Nobelpreis für die Entdeckung von Schlüsselregulatoren der Zellteilung und -reifung.

Eine Milliarde Pfund an Forschungsgeldern weniger

Der Nobelpreisträger Nurse macht sich große Sorgen um den Wissenschaftsstandort Großbritannien. Er hat in Zusammenarbeit mit der Royal Society einen offenen Brief an die britische Premierministerin Theresa May und an den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker auf den Weg gebracht. Die Botschaft: Die Wissenschaft muss ernst genommen werden.

"Wenn die Wissenschaft in den Verhandlungen nicht berücksichtigt wird, dann werden alle Bereiche, für die Forschung essentiell ist, auch leiden: Die Verbesserung des Gesundheitswesens und der Lebensqualität, der Schutz der Umwelt, die Förderung einer nachhaltigen Wirtschaft. Kann die Qualität der Wissenschaft nicht weiter aufrecht erhalten werden, hat das Folgen für alle Bereiche."

Wissenschaft brauche zudem den ungestörten Fluss von Menschen und Ideen über Grenzen hinweg, heißt es in dem Brief weiter. 29 Nobelpreisträger und sechs Gewinner der renommierten Fields-Medaille für Mathematik haben den Brief unterschrieben.

Sollte Großbritannien ohne Abkommen aus der EU austreten, befürchtet Nurse, dass dem Land jährlich eine Milliarde Pfund für die Forschung verloren gehen wird.

Jasmin Zohren will nicht zu lange warten. Sie schaut sich bereits nach neuen Stellen um: "Ich wäre gerne hier geblieben, jetzt werde ich aber schauen, ob es vielleicht mehr Sinn macht, vielleicht nach Deutschland zurückzukommen oder Skandinavien oder Amerika oder irgendwo, wo es stabiler ist."

Wie verändert der Brexit Großbritannien?
Europamagazin, 28.10.2018

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. Oktober 2018 um 07:19 Uhr.

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