Eine Studentin meldet sich an der Universität von Bolton an, um ihr Abschlusszeugnis im Rahmen einer Covid-sicheren, persönlichen Abschlussfeier zu erhalten. | AFP

Auswirkungen des Brexit Kaum noch EU-Studenten an britischen Unis

Stand: 04.09.2021 12:47 Uhr

Höhere Studiengebühren, Visakosten und mehr bürokratischer Aufwand: Das Studieren in Großbritannien ist für EU-Bürger schwieriger geworden. Deshalb kommen immer weniger Studierende ins Vereinigte Königreich.

Großbritanniens Austritt aus der EU hat auch Auswirkungen auf die Universitäten des Landes: Zum Start des akademischen Jahres in diesem Herbst beginnen nur 800 Deutsche ihr Studium im Vereinigten Königreich, wie aus Zahlen der zentralen Vergabestelle UCAS hervorgeht. Das sind nur noch halb so viele wie im Vorjahr, als 1600 Deutsche gezählt wurden. Damals galt noch eine Brexit-Übergangsphase mit weitgehend gleichen Regeln wie zuvor.

Noch stärker ist die Gesamtzahl der Studentinnen und Studenten aus der EU gesunken: von 27.750 auf 11.700. Während es vor dem Brexit sehr unkompliziert war, im britischen Ausland zu studieren und zu forschen, ist nun durch neue Visa-Bestimmungen mehr Aufwand notwendig. Auch kurzfristige Studienaufenthalte sind komplizierter geworden. Mit dem Brexit ist das Vereinigte Königreich auch aus dem EU-eigenen Austauschprogramm Erasmus ausgestiegen, über das Tausende junge Menschen aus der EU jahrelang ihre Auslandssemester auf der Insel verbrachten.

Höhere Kosten und mehr Bürokratie

Auch die Corona-Pandemie hat zum Rückgang der Studienanfänger beigetragen. Maßgeblich sind aber vor allem deutlich gestiegene Studienkosten und mehr Bürokratie seit dem Brexit. "Als Großbritannien noch Teil der Europäischen Union war, gab es den Gleichheitsgrundsatz. Da mussten alle dieselben Studiengebühren zahlen", sagte Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in London. Das habe sich jetzt geändert.

Zahlten EU-Bürger in England bisher wie britische und irische Studenten maximal 9250 Pfund umgerechnet rund 10.800 Euro - Studiengebühren pro Jahr, können die Universitäten vom neuen akademischen Jahr an von Anfängern aus der EU - aber auch etwa aus der Schweiz - deutlich mehr verlangen. Hinzu kommt: Wer neu ins Land kommt, kann keine staatliche Unterstützung beantragen. Außerdem brauchen nun alle, die erst 2021 nach Großbritannien gezogen sind, ein Visum. Auch hier sind hohe Kosten und großer bürokratischer Aufwand die Folge.

Bildungsministerium spricht von "Anpassungsphase"

Das britische Bildungsministerium kommentierte die Zahlen nicht. Aus der Regierung hieß es lediglich, Studentinnen und Studenten aus der EU seien ein wichtiger und geschätzter Teil des Hochschulsystems. Peter Mason vom Hochschulverbund Universities UK International räumte jedoch ein: "Nach dem Brexit gab es eine Anpassungsphase, da EU-Studenten wie andere internationale Bewerber behandelt werden, im Gegensatz zu Studenten mit Wohnsitz im Vereinigten Königreich." Er betonte aber, EU-Studenten seien weiterhin willkommen, Lehrende aus der Staatengemeinschaft spielten eine wichtige Rolle.

Doch die Skepsis ist groß. Vor allem der britische Ausstieg aus dem EU-Studentenaustauschprogramm Erasmus lasse die Hochschulen unattraktiver erscheinen, sagte der Politologe Simon Usherwood von der Open University, der größten staatlichen Hochschule des Landes, der Nachrichtenagentur dpa. Als Ersatz hat die Regierung ein Programm namens Turing Scheme ins Leben gerufen. Damit werden in diesem akademischen Jahr 363 Projekte gefördert, die mehr als 40.000 Schülern und Studenten die Möglichkeit zum Auslandseinsatz auch in Deutschland bieten. Wie viele davon die Chance wirklich nutzen, ist aber nicht bekannt.

Vor allem Geistes- und Kunstwissenschaften betroffen

Usherwood sagte, es sei viel Zeit nötig, um ansatzweise ähnliche Kontakte wie bei Erasmus aufzubauen. Betroffen seien bisher vor allem Geistes- und Kunstwissenschaften. Er warnte, dass der Brexit auch für die Lehrkräfte Konsequenzen habe. "Je länger das Vereinigte Königreich keine stabilen Beziehungen zur EU unterhält, desto schwieriger wird es, die hochqualifizierten Personen anzuziehen, die zum Erfolg der Branche beigetragen haben." AHK-Chef Hoppe teilt die Befürchtungen. "Der Studienstandort ist nicht mehr so attraktiv", sagte er der dpa weiter. Hoppe warnte, die Entwicklung könne zur weiteren Entfremdung zwischen Großbritannien und der EU beitragen. "Da geht was verloren."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. März 2021 um 16:30 Uhr.

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KOMMENTARE

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Möbius 04.09.2021 • 23:02 Uhr

in Deutschland studieren auch weniger Ausländer

Das hat mit Corona zu tun. Das betrifft auch die Erasmus Programme. Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass die EU sehr darauf erpicht ist, jungen, noch nicht selbständig publizierenden Wissenschaftlern Forschungsaufenthalte im Ausland - auch für den Zweck der Promotion - zu ermöglichen, um „mobility“ zu demonstrieren. Ob das klappt, hängt aber weniger von den Studenten selbst als von der Bereitschaft der Host Institutionen ab. Das sollte man nicht überbewerten. Schon wegen der Sprache und des offenen Forschungsklimas werden weiterhin viele EU Studenten einen Aufenthalt in GB anstreben. Zwar nimmt GB nicht mehr an Erasmus teil, aber andererseits habe ich auch nie davon gehört das ein Erasmus Student etwas publikationswürdiges produziert hat. In der Kürze der Zeit (wenige Monate) ist das auch kaum möglich.