Brexit-Gegner protestieren gegen den EU-Austritt, eine Demonstrantin hat sich die englische Flagge auf das Gesicht geschminkt. | Bildquelle: AP

Großdemo in London Hunderttausende gegen den Brexit

Stand: 23.03.2019 10:47 Uhr

Hunderttausende Menschen wollen in London gegen den EU-Austritt und für ein weiteres Referendum auf die Straße gehen. Experten sehen bei einer neuen Abstimmung gute Chancen für die Brexit-Gegner.

Von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

James McGrory ist optimistisch: Hunderttausende Teilnehmer erwartet der Direktor der Kampagne "People's Vote" zum Marsch für ein zweites Referendum über den Brexit. Das zeige, sagt McGrory gegenüber dem ARD-Studio London, wie groß diese Bewegung inzwischen geworden sei:

"Wir sind die einzige Bewegung im Land, die etwas in dieser Größenordnung auf die Beine stellen kann. Wir haben mit 700.000 Teilnehmern bei der Demo im vergangenen Oktober natürlich auch einen sehr hohen Maßstab gesetzt. Das war die zweitgrößte Demo, die das Land in diesem Jahrhundert gesehen hat - nur jene gegen den Irak-Krieg 2001 war größer."

Vier Millionen gegen Brexit

Mehr als vier Millionen Menschen haben bislang eine Online-Petition für den Verbleib Großbritanniens in der EU unterzeichnet. Zeitweise war die Webseite wegen des Ansturms lahm gelegt.

Das Parlament muss den Inhalt jeder Petition mit mehr als 100.000 Unterzeichnern für eine Debatte berücksichtigen. Alle britischen Staatsbürger - auch im Ausland - und Einwohner in Großbritannien dürfen solche Online-Petitionen unterzeichnen.

Kein Wunsch "städtischer Eliten"

Mehr als 200 Busse sollen Teilnehmer aus dem ganzen Land nach London bringen. Dass der Wunsch nach einem zweiten Referendum und der Verbleib in der EU nur ein Projekt der städtischen Eliten sei, diesen Vorwurf weist McGrory scharf zurück:

"Das ist schon eine grenzwertige Abwertung der vielen jungen Leute, der Menschen aus ethnischen Minderheiten, aus Gewerkschaften, der Umweltschützer, der großen Menge einfacher Leute  - das ist doch nicht alles Elite. Es sind Leute, die sich leidenschaftlich um ihr Land sorgen."

"People's Vote" verlangt eine Abstimmung darüber, ob das Land mit einem Abkommen - ob nun mit dem von Premierministerin Theresa May oder einem anderen - aus der EU austritt, oder eben doch im Club bleibt. Rund 56 Prozent der Briten unterstützen einer Umfrage zufolge derzeit ein zweites Referendum, 44 Prozent sind dagegen.

Würde demografischer Wandel Ergebnis beeinflussen?

Das Ergebnis würde diesmal vermutlich anders ausfallen als beim ersten Mal, sagt Peter Kellner vom Meinungsforschungsinstitut YouGov. Zum einen, weil die Brexitfreunde nicht so richtig sagen könnten, wie sie eigentlich austreten wollen, und zum anderen, weil sich die Zusammensetzung der Wählerschaft verändert habe: "Wir hatten vor drei Jahren ein sehr knappes Ergebnis beim Referendum. Und wir wissen, dass die Älteren für den Brexit und die Jüngeren dagegen waren. Aber ältere Menschen sterben, und jüngere werden wahlberechtigt." Aus Sicht Kellners ist Großbritannien schon aus demografischen Gründen heute ein Land, das für den Verbleib stimmen würde.

"Brexit liegt quer zur britischen Geschichte"

Für die Strategie von May, also eine kurze Verlängerung für den Brexit-Termin und dann der Austritt mit ihrem Deal, sind YouGov zufolge nur zehn Prozent der Briten. Die anderen denken, Großbritannien sollte die EU entweder nächsten Freitag definitiv verlassen, ob mit oder ohne Abkommen, oder eine langfristige Verschiebung des ganzen Projekts anstreben, möglicherweise auch mit Verbleib in der EU. Das Land sei gespalten wie nie, sagt Kellner.

"Für die britische Politik ist das ungewöhnlich. Wir waren über Jahrhunderte ein pragmatisches Land. Die Leute haben zu Kompromissen mit Augenmaß gefunden. Der Brexit liegt da vollkommen quer zur britischen Geschichte."

Um 13 Uhr sollen sich die Teilnehmer der "People's Vote"-Demonstration am Hyde Park versammeln. Von da aus geht es rund drei Kilometer zum Parliament Square - genau dort, wo in den nächsten Tagen erneut historische Entscheidungen getroffen werden müssen: Gegenüber vom Westminster Palace, dem Sitz des britischen Parlaments.

Briten demonstrieren für zweites Referendum
Thomas Spickhofen, ARD London
23.03.2019 10:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. März 2019 um 07:12 Uhr.

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