Proteste an der Grenze zwischen Irland und Nordirland | Bildquelle: dpa

Brexit Sichtbare Grenze, neue Gewalt?

Stand: 17.10.2018 01:32 Uhr

Die nordirisch-irische Grenze bleibt die wichtigste Hürde bei den Brexit-Verhandlungen. Anwohner halten Kontrollen für undenkbar - sie fürchten gar den Ausbruch neuer Feindseligkeiten.

Von Anne Demmer, ARD-Studio London

"Niemand denkt überhaupt über eine Grenze nach, man bemerkt sie ja auch nicht. Das einzige, was sich ändert, sind die Straßenschilder", so beschreibt es ein Anwohner.

Im Süden zeigten die Temposchilder Kilometer pro Stunde an, im Norden seien es Meilen, erklärt Cathol Short. Für ihn ist die Grenze unsichtbar. Über 500 Kilometer erstreckt sie sich zwischen Irland und der britischen Provinz Nordirland. Sie schlängelt sich durch die hügelige grüne Landschaft, quert mal breite, mal ganz schmale Straßen, verläuft sogar durch Wohnhäuser und durch Flüsse. Short betreibt eine Wechselstube in Crossmaglen - nur ein paar Kilometer von der Republik Irland entfernt. Er steht auf einer Brücke, die über einen kleinen Fluss führt.

Short sagt: "Innerhalb von 15 Minuten kann man wahrscheinlich 15 Mal die Grenze überqueren. Es erscheint mir unmöglich, hier Grenzkontrollen durchzuführen, gerade wenn man sich die ganzen kleinen Straßen anschaut." Es gebe insgesamt 208 Grenzübergänge, ihm sei es schleierhaft wie man sie kontrollieren will. Dann würden wohl die Straßen gesperrt, glaubt Short. Aber die Leute würden das nicht zulassen, sie würden die Straßen einfach wieder selbst öffnen, die Blockaden räumen.

Ein Lkw passiert die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland | Bildquelle: dpa
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Die Grenze zwischen Irland und Nordirland erstreckt sich über 500 Kilometer.

In Nordirland hat sich seit den "Troubles" viel getan

Vor 20 Jahren setzte das Karfreitagsabkommen von 1998 dem Nordirlandkonflikt ein Ende. 30 Jahre lang lieferten sich die Konfliktparteien erbitterte Kämpfe, die oft nur lapidar die "Troubles" genannt werden. Während überwiegend katholische Republikaner eine Wiedervereinigung des Nordens mit dem Rest Irlands anstrebten, kämpften überwiegend protestantische Unionisten erbittert für einen Verbleib im Vereinigten Königreich. 

Mehr als 3000 Menschen sind während des Bürgerkriegs ums Leben gekommen. Mit Hilfe der EU seien in den letzten Jahren Friedensprojekte finanziert sowie Straßen und Schulen gebaut worden, erzählt Short. Im eher armen Nordirland habe sich etwas getan - auch in Crossmaglen.

"Angst vor den Folgen des Brexit"

"Seit dem Karfreitagsabkommen prosperiert die Stadt", berichtet Short. "Es herrscht Frieden." Unternehmen hätten sich angesiedelt, es gebe ein neues Hotel. Die Menschen seien stolz auf das, was sie geschaffen haben. Und jetzt hätten alle Angst vor den Folgen des Brexit.

An vielen Ortseingängen stehen am Straßenrand Plakate. Damian McGenity hat sie mit weiteren Mitstreitern aufgestellt. "Border Communities against Brexit" steht darauf geschrieben. McGenity lebt mit seiner Familie in dem kleinen Dorf Dromintee. Er ist Teilzeitbauer und leitet den Rest der Zeit eine Postfiliale im Nachbarort.

"Meine Frau arbeitet auf der anderen Seite der Grenze", erzählt er. "Es gibt Tausende Familien, die Verwandte dort haben oder dort eben arbeiten. Unsere Initiative heißt 'Grenzgemeinden gegen den Brexit'. Wir sind quasi eine Gemeinde, wir leben zusammen und queren die Grenze jeden Tag."

McGenity befürchtet, dass mit einer sichtbaren Grenze auch die Gewalt zurückkehren könnte. Das knatternde Geräusch der Hubschrauber hat er nicht vergessen, auch nicht die Explosion der Bomben, die Schüsse, die Straßenblockaden. Durch die Symbolik der Grenzkontrollen, durch Schlagbäume würden sich viele provoziert fühlen, glaubt auch Short. Er mache sich Sorgen.

"Schlafwandeln in die Katastrophe"

"Die Menschen schlafwandeln in diese Katastrophe", fürchtet Short. Viele verstünden nicht den Ernst der Lage. Die Leute glaubten, es würde schon alles gut. "Aber es geht hier schließlich auch um unsere Kinder. Wir legen hier den Grundstein für sie. Ich will nicht, dass die Troubles hier in der Region wieder ausbrechen."

Nordirland und der Brexit
Anne Demmer, ARD London
16.10.2018 23:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Oktober 2018 um 06:30 Uhr.

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