Blick auf den Hafen von Dover | Bildquelle: Stephanie Pieper

Folgen des Brexit in Dover "Das wird noch lustig hier"

Stand: 17.11.2017 15:36 Uhr

Dover ist ein Nadelöhr für den Handel zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent. Viele Einwohner würden auch einen harten Brexit in Kauf nehmen. Andere haben große Sorge. Sicher ist: Mit dem EU-Austritt wird sich so einiges ändern.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Für den Spaziergang mit seinen beiden Hunden Pippin und Suki hat sich Steven keine besonders idyllische Strecke ausgesucht. Er geht die Straße "East Cliff" entlang, die Hauptzufahrt zum Hafen von Dover. Ein Lkw nach dem anderen rauscht an ihm vorbei. Sie fahren runter von der britischen Insel und rauf auf die Fähre Richtung Kontinent - und umgekehrt.

Steven von der Border Force | Bildquelle: Stephanie Pieper
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Seit fast 30 Jahren arbeitet Steven als Kontrolleur an der Grenze. "Sollte es keinen Deal geben, dann wird es unfassbar viel neue Bürokratie geben."

Seit fast 30 Jahren arbeitet Steven als Kontrolleur an der Grenze. "Ich kontrolliere die Trucks, die ins Land kommen", sagt er. Mit einem Röntgengerät durchleuchtet Steven stichprobenweise ankommende Lastwagen, um den Schmugglern von Drogen, Waffen und Menschen das Handwerk zu legen. Seit der Gründung des europäischen Binnenmarktes im Jahr 1993 hat sich der britisch-europäische Handel, der großteils über Dover abgewickelt wird, vervielfacht - heute passieren den Hafen im Schnitt jeden Tag fast 7000 Lkw. Doch jetzt naht - leider, wie Steven sagt - der Brexit.

"Im Moment muss fast keiner der Lkw hier irgendwelchen Papierkram erledigen, weil wir eben die Zollunion und die Bewegungsfreiheit haben", sagt Steven. "Sollte es keinen Deal mit der EU geben, dann wird es unfassbar viel neue Bürokratie geben - unvorstellbar." Die britische Regierung müsse unbedingt ein Handelsabkommen schließen. "Sonst wird das noch lustig hier", sagt Steven.

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Ein Lkw fährt im Hafen von Dover auf eine Fähre | Bildquelle: Stephanie Pieper
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Ein Lkw fährt im Hafen von Dover auf eine Fähre.

Anwohner fürchten Brexit-Crash

Das östliche Dock in Dover wird zurzeit zwar erweitert. Doch der Hafen reicht schon bis an die berühmten weißen Klippen. Die Geographie gibt es schlicht nicht her, hier einen großen Parkplatz zu bauen - um dort Ein- und Ausfuhrpapiere sowie das Frachtgut zum Beispiel von Autoteilen, Frischfleisch und Medikamenten umfangreich zu checken.

Gibt es einen Brexit-Crash - also keine Einigung mit der EU - dann wäre das für Dover fatal. Das fürchtet der Rentner Peter, der gerade in der Innenstadt sein Fahrrad abstellt. "Da könnte uns ein Chaos drohen", sagt Peter. "Wer weiß, wie viele Lkw dann hier warten müssen. Ich habe gehört, wenn jeder Check nur sechs Minuten länger dauert als jetzt, dass wir dann 15 Kilometer Stau haben könnten, von hier bis Folkestone", so Peter. Und jede Minute oben drauf würde den Stau weiter verlängern. "Ich bin kein Fan des Brexit und wünsche mir, er wäre nie passiert."

Trauriger Eindruck in der Fußgängerzone

Doch beim Volksentscheid im Sommer 2016 haben in Dover mehr als 60 Prozent der Wähler für den EU-Austritt gestimmt - und sie klagen noch heute über die vielen Zuwanderer aus Osteuropa, die vielen Flüchtlinge und über den Niedergang ihrer Stadt. Die Fußgängerzone macht einen traurigen Eindruck, viele Shops stehen leer.

Für die Geschäfte und für den Tourismus wäre ein Lkw-Dauer-Stau in Dover schlecht, sagt Janet, die an diesem Nachmittag einen Schaufensterbummel macht. "Niemand will hierher kommen, wenn es so ist", sagt sie. Die schlechte Publicity über den Verkehr würde dem Tourismus schaden.

Welcome to Dover steht auf einer Mauer | Bildquelle: Stephanie Pieper
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"Welcome to Dover" - ein Schriftzug auf einer Mauer in der Hafenstadt.

"Wir werden schon improvisieren"

Ach was, ein "No Deal"-Brexit wäre kein Drama, meint dagegen der Eier-Lieferant des Cliff Hotel. Das Haus befindet sich direkt am Fährhafen und hat schon bessere Zeiten erlebt. "Wir sind Briten", sagt der überzeugte "Brexiteer" - wenn auch nicht ins Mikrofon. Namentlich möchte er nicht genannt werden. "Wir werden schon improvisieren", sagt er.

Die Friseurin Julie stimmt ihm zu. Sie prophezeit, dass die Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU vor die Wand fahren - findet das aber nicht schlimm. "Sie machen es uns richtig schwer, weil sie befürchten, wenn wir einen guten Deal kriegen, dass dann auch andere Länder raus wollen", sagt sie. "Ich finde es nicht fair, dass sie von uns jetzt Milliarden über Milliarden haben wollen, weil wir die EU verlassen.“

Um sich für einen harten Brexit zu wappnen, müsse die Regierung eben mehr Leute an der Grenze in Dover beschäftigen, fordert Julie. In der Tat will "Her Majesty’s Revenue and Customs" - die Steuer- und Zollbehörde Großbritanniens - landesweit bis zu 5000 neue Mitarbeiter einstellen. Alles in allem will die Regierung rund 750 Millionen Euro in die Brexit-Vorbereitungen investieren. Moderne Technologie soll nach Londons Vorstellung dabei helfen, die Zollformalitäten bereits im Landesinneren abzuwickeln - nicht erst in Dover. Aber ob das klappt?

Blick auf den Hafen von Dover | Bildquelle: Stephanie Pieper
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Der Hafen von Dover. Das östliche Dock wird zwar erweitert. Doch die Anlage großräumig auszubauen, ist angesichts des begrenzten Platzes schwierig.

Nur noch weniger als 500 Tage

Die Uhr tickt. Bis zum EU-Ausstieg sind es nicht einmal mehr 500 Tage. Der Betreiber des "Port of Dover" selbst will sich nicht äußern - aber Richard Ballantyne von der "British Ports Association", dem britischen Hafenverband, macht klar, dass ein Brexit völlig ohne Abkommen mit der EU alles andere als "eine lustige Seefahrt" wird.

"Ich würde nicht von einem Albtraum sprechen, aber es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, sagt er und warnt, die Branche brauche Zeit, um sich vorzubereiten. "Um die notwendige Infrastruktur aufzubauen, um neue IT-Systeme einzuführen und das Personal beim Zoll aufzustocken. Das dauert einfach", so Ballantyne.

Lieferketten und Logistik

Auch der Hafenverband wünscht sich - wie weite Teile der britischen Wirtschaft - eine mehrjährige Übergangszeit direkt nach dem Brexit und am besten mit dem derzeitigen Status quo. Für Dover wäre dies ein Rettungsring, nimmt doch fast ein Fünftel des gesamten britischen Handelsvolumens den Weg über diesen Hafen.

Darauf macht auch James Hookham aufmerksam, Vize-Chef der "Freight Transport Association" - ein Verband, der Spediteure und deren Kunden vertritt. Er sagt: "Meine Sorge ist, dass Politiker auf beiden Seiten aus den Augen verlieren, was auf dem Spiel steht." Das fehlende Verständnis dafür, wie die europäische Wirtschaft tatsächlich funktioniert, erfülle ihn mit Sorge. "Alle Politiker verstehen sehr, sehr wenig von Lieferketten und Logistik."

Zuversicht und Skepsis

Rentner und Brexiteer Philip | Bildquelle: Stephanie Pieper
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Rentner und Brexiteer Philip. Vielleicht sei ein Scheitern der Brexit-Verhandlungen sogar das Beste, sagt er.

An der Hafenpromenade von Dover geht bei trübem Wetter Philip spazieren. Er ist gekleidet wie ein Engländer aus dem Bilderbuch. Er trägt eine dunkelgrüne Wachsjacke, eine rostbraune Cordhose und eine karierte Tweed-Mütze. Der 67-Jährige war - wie schon sein Vater und sein Großvater - Berufssoldat. Er war stationiert in Deutschland, im Nahen Osten, bei der NATO in Brüssel und in Washington. Philip steht dazu, dass er für den Brexit gestimmt hat. "Natürlich tue ich das", sagt er.

Auf kurze Sicht möge der EU-Austritt schmerzhaft, aber auf lange Sicht ein Gewinn sein - auch für Dover, hofft der Armee-Pensionär. Vielleicht sei ein Scheitern der Brexit-Verhandlungen sogar das Beste, sagt er. Die EU scheine gar kein Abkommen zu wollen, meint Philip, sondern wolle nur die demokratische Entscheidung der Briten rückgängig machen.

Am 29. März 2019, um 23 Uhr britischer Zeit wird Großbritannien - nach dem Willen der konservativen Regierung - aus der Europäischen Union austreten. Für den Grenzkontrolleur Steven wird das in Dover kein Moment zum Feiern sein. Er wohne dicht beim Fährhafen, könne von seinem Schlafzimmerfenster aus bei gutem Wetter Frankreich sehen - Steven wäre lieber in der EU und ein echter Europäer geblieben, sagt er.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. November 2017 um 17:00 Uhr.

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