Fertigung eines Minis im britischen Oxford | Bildquelle: AFP

Mini-Produktion nach dem Brexit Kleines Auto, große Probleme

Stand: 29.03.2017 20:04 Uhr

Was der Brexit für den britischen Automarkt bedeutet, lässt sich am Beispiel Mini erahnen. Etwa 200.000 Autos werden in Oxford gefertigt, die meisten werden in die EU exportiert. Doch so einfach wird das nach dem Brexit nicht mehr gehen.

Von Michael Grytz, ARD-Studio Brüssel

Der Mini ist noch immer ein beliebtes Kultauto, auch wenn er längst zu BMW gehört. Gebaut wird er unter anderem in Oxford, 200.000 werden in Großbritannien gefertigt, die meisten davon werden in die EU exportiert. Bislang war das kein Problem, aber geht das noch so einfach nach dem Brexit? 

Die Sache ist nämlich kompliziert. Wie kompliziert, wird im Datencenter der Branchenzeitung Automobilwoche recherchiert. Dort ist aufgelistet, wer für den Mini Teile zuliefert. Demnach hat etwa Thyssen-Krupp Nocken-, Kurbel- und Exzenterwellen geliefert. Bosch ein Head-up-Display. Continental das Reifenluftdrucksystem sowie den Notreifen.

Es ist eine zufällige Auswahl von mehr als 10.000 Teilen, die in einem solchen Auto stecken und meist einmal nach Großbritannien geliefert werden müssen, bevor ein Mini als Ganzes aus dem Königreich in die EU exportiert wird. Nun will Großbritannien aus der Zollunion austreten. Was das bedeutet, beschreibt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) so: "Das bedeutet, dass es eine neue Zollgrenze geben wird. Auch wenn es keine Zölle gibt, muss es trotzdem Zollabwicklungsverfahren geben und weitere bürokratische Bescheinigungen. Das kostet Zeit und Geld." Und macht den Handel zwischen EU und Großbritannien sehr kompliziert.

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Schwerer Schaden für britischen Automarkt?

Die Wirtschaftprüfer von Price Waterhouse Coopers (PWC) schätzen, dass im schlechtesten Fall der britische Automarkt schweren Schaden nehmen kann und bis 2022 ein Einbruch um fast 50 Prozent droht. Nach Angaben des Verbandes der deutschen Automobilindustrie gehen mehr als die Hälfte der britischen Pkw-Exporte in die EU. Andersherum exportiert kein Land mehr Pkw in das Vereinigte Königreich als Deutschland.

Seit der Ankündigung des Brexits ist das britische Pfund stark gefallen. Das hat deutsche Produkte teuer gemacht mit Folgen für die Ausfuhren. Im letzten Quartal gingen die Exporte von Autos und Autoteilen nach Angaben des IW um 17,7 Prozent zurück, der gesamte Warenhandel um 9,3 Prozent. Doch die deutschen Unternehmen haben das offenbar gut weggesteckt. Überhaupt bleiben die Auswirkungen des Brexits auf die deutsche Wirtschaft überschaubar, betont IW-Experte Matthes. Die Unternehmen seien gut darin, sich auf neue Absatzmärkte zu konzentrieren.

BMW-Mini-Produktion in Oxford | Bildquelle: AFP
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BMW-Mini-Produktion in Oxford

Teuer soll es für die Briten auch werden, was ihre Zahlungsverpflichtungen aus der Zeit ihrer EU-Mitgliedschaft anbelangt, zum Beispiel Pensionen für EU-Beamte. 60 Milliarden sollen es sein, so lauten Berechnungen. Seit Großbritannien 1974 EU-Mitglied wurde, sind die Verflechtungen eben groß geworden. Und auch wenn die EU vielen kompliziert erscheint: In Sachen Wirtschaft ist vieles vereinfacht und vereinheitlicht worden, die Folge beschreibt Europaparlamentarier Jo Leinen: "Da gibt es 20.000 Gesetze, Regelungen im Umweltschutz im Verbraucherschutz und natürlich für den Binnenmarkt und bei den 20.000 Gesetzen gibt es ungefähr 100.000 Normen. Wenn man das jetzt auseinanderdividieren will, dann braucht man ganze Batterien von Fachleuten, die das abschätzen können. Das dauert."    

 Mammutaufgabe, die es noch nie gab

Der ehemalige EU-Kommissar und frühere französische Außenminister Michel Barnier soll die Verhandlungen für die EU führen. Ihn besuchten nun einige 50 EU-Bürger stellvertretend für über drei Millionen, die in Großbritannien leben und nicht wissen, wie es für sie weitergeht. Ein zentraler Konflikt, denn Großbritannien will den freien Personenverkehr einschränken. Aber, so Jo Leinen: "Das Prinzip, dass freier Warenverkehr nicht ohne freien Personenverkehr funktionieren kann, muss gelten."  

Wie das aber zusammen gehen kann, ist schwierig. Allein in der Autoindustrie könnten eine Million Arbeitsplätze in Großbritannien verloren gehen, sagt eine neuere Studie. Großbritannien will deshalb möglichst weiter offenen Zugang zur EU. Ohne einen freien Personenverkehr ist das aber kaum möglich. Das dürfte der größte Konflikt werden, der in den kommenden zwei Jahren kaum aufzulösen ist.

Und dann gibt es noch eine Hürde: Am Ende müssen alle EU-Mitglieder der Vereinbarung zustimmen. Man stelle sich vor, eine Gruppe von Ländern kommt zu dem Ergebnis, Großbritannien erhalte gegenüber einem EU-Mitglied zu viele Vorteile, obwohl es draußen ist. Die Zustimmung könnte verweigert werden. Vor beiden liegt wirklich eine Mammutaufgabe, wie es sie so noch nicht gegeben hat.  

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. März 2017 um 22:15 Uhr.

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