Lkw stehen auf der Autobahn A93 Richtung Österreich im Stau (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Brenner-Basistunnel Blockabfertigung, die 35.

Stand: 21.11.2019 16:06 Uhr

Zum 35. Mal in diesem Jahr hat Tirol eine Blockabfertigung durchgeführt - auch, um beim Brenner-Basistunnel auf Deutschland Druck zu machen. Doch in Bayern gibt es weiter Widerstand gegen den Schienenausbau.

Von Nathalie Stüben, BR

Wer heute mit dem Auto auf der A93 in Richtung Österreich fuhr, der sah beim Blick nach rechts nicht den Wendelstein oder die kleine Kirche auf dem Petersberg, sondern mal wieder eine Wand aus Lkw. Auf 24 Kilometern stauten sich die Laster am Morgen auf der rechten Spur. Der Grund: Tirol führte eine Blockabfertigung durch, die 35. in diesem Jahr. Bei dieser Maßnahme lassen Tiroler Beamte im Norden von Kufstein pro Stunde nur eine begrenzte Anzahl an Lkw über die Grenze, meistens zwischen 250 und 300. Auf bayerischer Seite sorgt das seit rund zwei Jahren regelmäßig für lange Staus und stockenden Verkehr.

Die Österreicher lassen keinen Zweifel daran, dass sie den Transitverkehr auf die Schiene zwingen wollen. Momentan ist es für Spediteure, die Waren gen Süden transportieren, am günstigsten, ihre Lkw über den Brenner fahren zu lassen. Preislich liegen sie damit deutlich besser, als wenn sie Übergänge in Frankreich oder der Schweiz nutzen würden.

Aber auch im Vergleich zum Gütertransport auf der Schiene ist der Brenner unschlagbar günstig. Momentan müssen Güterwaggons noch mit mehreren Loks über die Alpen gehievt werden. Das soll sich mit dem Bau des Brenner-Basistunnels ändern, diesem Mammutprojekt im Herzen Europas. In knapp zehn Jahren soll der 64 Kilometer lange Tunnel das österreichische Tulfes mit Franzensfeste in Südtirol verbinden. 8,7 Milliarden Euro wird das Projekt voraussichtlich kosten. 40 Prozent davon übernimmt die EU, die restlichen 60 teilen sich Österreich und Italien.

Deutschland hinkt hinterher

Der Brenner-Basistunnel ist das größte Infrastrukturprojekt der EU, er unterquert die Alpen und macht den Transport auf der Schiene dadurch schneller, weniger aufwändig und günstiger. Vor allem Österreich erhofft sich dadurch mehr Züge, weniger Lkw und eine Entlastung seiner Straßen. Um dieses Mehr an Zügen in Zukunft auch abführen zu können, hat das Nachbarland die Unterinntalstrecke bereits auf 40 Kilometern viergleisig ausgebaut. Für die Neubaustrecke zwischen Schaftenau und dem Knoten Radfeld läuft derzeit das Umweltverträglichkeitsverfahren. 2032 soll auch dieser Abschnitt fertiggestellt sein.

In Italien hat das Umweltministerium dem Ausbau der Zulaufstrecken zwischen Franzensfeste und Waidbruck vor wenigen Tagen eine positive Umweltverträglichkeitsprüfung ausgestellt. Damit steht dem Baubeginn auch hier nichts mehr im Wege. Diese Gleise sollen zeitgleich mit dem Brenner-Basistunnel in Betrieb gehen.

Deutschland befindet sich im Gegensatz dazu noch in der Planungsphase. Heißt: Es steht noch nicht einmal fest, wo genau die Trasse überhaupt entstehen soll. Fünf Entwürfe werden momentan untersucht. Die zwei neuen Gleise durchs bayerische Inntal können frühestens 2038 in Betrieb genommen werden - wenn überhaupt.

Widerstand von 18 Bürgerinitiativen

Denn der Widerstand ist groß. Seit 2016 haben sich im Landkreis Rosenheim 18 Bürgerinitiativen gegründet, die gegen den Bau der Neubaustrecke kämpfen. Ihrer Ansicht nach reicht die bestehende Zugstrecke aus, um die Soll-Kapazität von 400 Zügen pro Tag zu bewältigen - man müsse sie halt ordentlich ausbauen. Die Gegner fürchten sich vor riesigen Baustellen und einer unnötigen Verschandelung der Natur. Das Bundesverkehrsministerium hingegen verweist darauf, dass Deutschland sich im Vertrag von Rosenheim dazu verpflichtet hat, die Strecke viergleisig auszubauen. Außerdem sei der Bedarf gegeben, der Bau also auch legitim.

Beide Seiten haben Gutachten, um ihre Sicht der Dinge zu belegen. Eine Kristallkugel hat keine. Der Tiroler Regierungschef Günther Platter jedenfalls möchte mit Maßnahmen wie der Blockabfertigung oder den im Sommer eingeführten Fahrverboten auf Landstraßen erreichen, dass der Brenner-Nordzulauf gebaut wird. Bis dahin dringt er auf eine sogenannte Korridormaut zwischen München und Verona. Sein Kalkül: Wenn die Route über den Brenner sich für Lkw sowohl verteuert als auch zeitlich verlängert, dann verliert sie für die Spediteure an Attraktivität. Und wenn Deutschland den Bau der Zulaufstrecken schließlich doch noch realisiert, wird der Transport auf der Schiene eh so attraktiv, dass die Lkw-Massen von seinen Straßen verschwinden.

Diese Ansicht vertritt auch Matthias Neumaier, der die Projektleitung für den Schienenausbau auf deutscher Seite seit dem 1. November inne hat. Mit Hinblick auf den massiven Widerstand, der sich in Bayern formiert hat, sagte er in einem Pressegespräch zu seinem Amtsantritt: "Wenn die endgültige Trasse feststeht, dann wird die Diskussion um den Bau lokaler. Und wenn die Diskussion lokaler wird, hoffen wir, dass der Widerstand nachlässt."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Juli 2019 um 22:30 Uhr.

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