Trauer um die Opfer der Brandkatastrophe in Brasilien

Brasilien hinterfragt Sicherheitskultur "Sei still - da passiert schon nichts"

Stand: 29.01.2013 02:18 Uhr

Nach der Brandkatastrophe in einer Disko blickt Brasilien besorgt auf kommende Großereignisse: Papst-Besuch, Fußball-WM - reichen die Sicherheitsvorkehrungen? Auf den Friedhöfen werden die ersten der mehr als 230 Todesopfer beigesetzt. Für sie kommt diese Diskussion zu spät.

Julio Segador ARD-Studio Buenos Aires

Von Julio Segador, ARD-Hörfunkstudio Südamerika

Trauer in Santa Maria: Tausende nahmen auf den Friedhöfen Abschied von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Dieser Mann hat seine Frau verloren, nun muss er seiner vierjährigen Tochter das Unerklärliche erklären. "Was soll ich ihr denn sagen? Die Person, die immer an ihrer Seite war, ist tot. Sie war so verliebt in sie, sie hat sie so sehr geliebt."

Andere kommen zum Unglücksort zurück. Sie können kaum fassen, welche Tragödie sich in der völlig ausgebrannten Diskothek zugetragen hat. "Zwei Nichten meiner Kusine sind tot und zwei Freunde meines Sohnes", sagt ein Mann. "Gestern habe ich mich entschlossen, hier am Unglücksort eine brasilianische Fahne mit schwarzem Trauerflor abzulegen, denn ganz Brasilien ist in Trauer."

Auch Staatspräsidentin Dilma Rousseff hat das Unglück, den Tod von mehr als 230 jungen Menschen, tief getroffen. "Es hätten unsere eigenen Kinder und Enkelkinder sein können", sagte sie bei einer Rede zur Amtseinführung neuer Bürgermeister. "Sie hatten nicht die Chance, ihre eigenen Träume und die Träume ihrer Väter und Mütter zu verwirklichen." Eine solche Tragödie dürfe sich nie wieder ereignen, appellierte die Präsidentin an die neuen Bürgermeister. "Gestern war ich in Santa Maria und den Schmerz, den ich dort sah, kann man nicht beschreiben. Ich rede über diesen Schmerz, um all die daran zu erinnern, die in der Verwaltung Verantwortung tragen gegenüber unserer Bevölkerung. Im Angesicht dieser Tragödie haben wir die Pflicht, einen Pakt einzugehen - denn so etwas darf sich niemals mehr wiederholen."

Unterdessen richtet sich in Brasilien der Blick auf die kommenden Großereignisse. In dem Land wird schon in wenigen Monaten der Fußball-Confederations-Cup ausgetragen, der Papst kommt zum Weltjugendtag nach Rio, danach beginnen Fußball-Weltmeisterschaft und Olympische Spiele. Sind die Sicherheitsvorkehrungen im Land auf höchstem Niveau?, fragen viele. Ja, sagt Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke. Für die WM jedenfalls gebe es ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem, meint er.

Gerardo Portela, ein Risikomanager, ist da anderer Meinung. "Dieser Begriff 'Sicherheitskultur' muss öfter angesprochen werden - außerhalb Brasiliens ist das ein gängiger Begriff. Wenn man hier auf eine Party geht und darauf hinweist, dass dieses Feuerwerk die Decke erreichen und Probleme schaffen könnte, dann drehen sich alle um und sagen: 'Sei still, da passiert schon nichts'. Das ist unsere Sicherheitskultur. Wenn wir hier große Veranstaltungen durchführen wollen, müssen wir unsere Sicherheitskultur richtig entwickeln."

Der Ort der Brandkatastrophe am Tag danach

Sicherheitskultur in Brasilien? Der Ort der Brandkatastrophe am Tag danach

Für die mehr als 230 Opfer der Disko-Tragödie kommt diese Diskussion zu spät. Sie hatten keine Chance. Die Diskothek hatte keine gültige Betriebsgenehmigung, die Band setzte leichtfertig Feuerwerkskörper und Fackeln ein. Inzwischen sitzen vier Männer in Haft - die beiden Disko-Besitzer und zwei Musiker. Sie hatten zuvor die Stadt verlassen - aus Angst von den Menschen in Santa Maria gelyncht zu werden.