Trauer in Brasilien

Brasilien nach Brandkatastrophe unter Schock "Es ist für uns alle eine Tragödie"

Stand: 28.01.2013 07:25 Uhr

Feuer, Rauch, verschlossene Türen - einen Tag nach der Brandkatastrophe in einer brasilianischen Disko wird deutlich, warum so viele Menschen keine Chance hatten, aus dem Inferno zu entkommen. 233 Frauen und Männer kamen in der Partynacht ums Leben. Das Land steht unter Schock.

Julio Segador ARD-Studio Buenos Aires

Von Julio Segador, ARD-Hörfunkstudio Buenos Aires

"Gurizada Fandangueira" - die "partywütigen Jugendlichen" - so der Name der Band, die wohl verantwortlich ist für die Katastrophe im südbrasilianischen Santa Maria. 233 Menschen starben bei der Party in der Disko, weit über 100 liegen mit zum Teil schweren Verletzungen in Krankenhäusern.

Rodrigo Moura, einer der Türsteher der Diskothek, kann kaum glauben, was er hautnah miterlebte. "Das war totale Panik. Nur wer da drin war kann es sich vorstellen. Ein Horrorfilm war das." Zeugen gaben an, dass die Musiker der Band auf der Bühne Feuerwerkskörper zündeten und sogar Fackeln in die Höhe hielten, die die Decke der Diskothek in Brand setzten. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Die giftigen Gase, die die Flammen im brennenden Dämmmaterial bildeten, töteten viele der Gäste binnen weniger Minuten.

Keine Chance für eine geregelte Evakuierung

Für eine geregelte Evakuierung der Menschen aus der brennenden Diskothek habe es keine Chance gegeben, meint Türsteher Rodrigo: "Wir haben die Leute aufgefordert, den Klub zu verlassen. Aber inmitten des Tumults fingen die Menschen an, sich gegenseitig zu überrennen und sich totzutrampeln. Viele hatten keine Zeit mehr, rauszukommen. Wir haben auch noch welche gerettet und ins Krankenhaus gebracht. Einige hatten 80 Prozent des Körpers verbrannt und überlebten nicht. Auch einige meiner Arbeitskollegen starben."

Viele der Fluchtwege waren abgeschnitten, weil sich einige Türsteher weigerten, die flüchtenden Besucher aus dem Gebäude zu lassen, um zunächst noch die Getränke abzukassieren. Medizinstudent Murilo de Toledo war einer der letzten, die es noch ins Freie schafften: "Alle liefen zum einzigen Ausgang, der in Wahrheit die Eingangstür war. Da gab es einen Eisenzaun, der dazu diente, dass die Besucher geordnet reinkommen konnten. Die Sicherheitsleute wollten zuerst niemanden rauslassen, bevor nicht gezahlt wurde. Sie dachten, dass es eine Massenschlägerei sei. Dann kam das Feuer aber bis an den Ausgangsbereich heran."    

Eingang der Disko

Eingangsbereich des "Kiss": Die Feuerwehr brach Löcher in die Wand, um die Eingeschlossenen zu befreien.

Der Ausgang wurde zur Todesfalle

Der Ausgang, nach Aussagen von Gästen einzige Ausgang, wurde zur Todesfalle. Nachstürmende Jugendliche trampelten andere tot. Die Einsatzkräfte berichteten, dass vor der Tür die Leichen übereinander lagen. Handy-Bilder von Schaulustigen belegen die dramatische Situation. Von außen versuchten Rettungskräfte mit Äxten und schweren Hämmern, sich Zutritt zur Disko zu verschaffen und die Eingeschlossenen zu befreien.

Staatspräsidentin Dilma Rousseff eilte vom EU-Lateinamerika-Gipfel aus Santiago de Chile nach Santa Maria und traf sich in einem Krankenhaus mit verletzten Diskobesuchern. Sie sicherte den verletzten Opfern und den Angehörigen der Toten eine unbürokratische Hilfe zu. "Es ist für uns alle eine Tragödie", sagte sie.

Trauer in Brasilien

Präsidentin Rousseff versuchte, Angehörige der Opfer zu trösten.

In der Hauptstadt Brasilia wurde unterdessen eine für heute geplante Feier abgesagt. Sie sollte daran erinnern, dass in genau 500 Tagen die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt.

Brasilien

Santa Maria liegt im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul.