Brasilien, Rondonia: Auf diesem vom brasilianischen Umweltinstitut zur Verfügung gestelltes Bild bewacht ein Soldat Bäume, die illegal gefällt wurden. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Urwald in Brasilien Zerstörung im Schatten der Corona-Krise

Stand: 23.05.2020 09:55 Uhr

Kaum ein Land hat so viele Coronavirus-Infizierte wie Brasilien. Illegale Goldgräber nutzen die Krise, um den Urwald abzuholzen. Dabei bekommen sie Schützenhilfe von Präsident Bolsonaro.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Löcher der Goldgräber glitzern gelb-braun in der Sonne. Es sind riesige Krater, die sich durch den Amazonas ziehen. Bagger durchwühlen den gerodeten Boden, während Männer in schmutzigen Jeans den Schlamm nach Edelmetallen durchsuchen. Plötzlich taucht ein Hubschrauber auf und setzt zur Landung an. Schwerbewaffnete Männer springen heraus, während die Goldgräber in den Dschungel flüchten. Die Bewaffneten sind Umweltpolizisten der Behörde Ibama bei einer Razzia in einem Indigenen-Reservat im brasilianischen Bundesstaat Pará.

Hugo Loss hält den Finger am Abzug, während sie das Goldgräber-Camp durchsuchen. Er ist der Leiter dieser Spezialeinheit, die illegale Invasoren aufspürt und deren Material vernichtet. Ein Bagger geht in Flammen auf und wird somit unbrauchbar. Das ist eine gesetzeskonforme Maßnahme der Umweltpolizisten, die Brasiliens per Verfassung geschützte Indigenen-Reservate kontrollieren. "Wir haben während der Pandemie eine starke Zunahme der kriminellen Aktivitäten registriert", sagt Loss. "Vielleicht dachten die Goldgräber, dass wir während der Corona-Krise nicht arbeiten würden. Aber da haben sie sich geirrt."

Illegale Landebahn im Dschungel

Sogar eine Landebahn haben die Kriminellen mitten in das Dschungel-Schutzgebiet gebaut. Auch die Treibstoffvorräte vernichtet die Spezialeinheit – ebenso das Lager der Invasoren. Nach dem Abzug der Umweltpolizisten kehren die Goldgräber zurück. Angesichts der zerstörten Bagger rufen sie Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro um Hilfe. "Schau, Bolsonaro, was sie mit unserem Gerät gemacht haben", ruft einer voller Verzweiflung auf einem selbst gedrehten Handyvideo.

Doch es dürfte nicht lange dauern, bis sie neue Bagger und neues Material herangeschafft haben, denn die Goldgräber sind Teil einer Urwald-Mafia mit mächtigen, finanzstarken Hintermännern. Wortgewaltigster Unterstützer ist Bolsonaro höchstpersönlich. Der rechtsextreme Präsident erhöht seit seinem Amtsantritt den Druck auf die letzten Urwälder.

So will Bolsonaro ein Gesetz verabschieden, das kriminellen Landraub nachträglich legalisiert. Das Parlament ringt gerade um einen Entwurf dazu. Gleichzeitig schwächt er - offenbar ganz gezielt - Umweltschutzbehörden wie die Umweltpolizei Ibama. Deren Budget für die Überwachung und den Schutz des Amazonas wurde unter Bolsonaro stark gekürzt. Außerdem bleiben verhängte Umweltstrafen für Invasoren wirkungslos. Denn Bolsonaro blockierte im Oktober per Dekret die Eintreibung der Strafen.

Umweltschutz massiv geschwächt

Suely Araújo war Leiterin der Umweltpolizei, bis Bolsonaro sie 2019 feuerte und einen Vertrauten als Nachfolger installierte. Nach knapp eineinhalb Jahren Bolsonaro-Regierung sieht Araújo den Umweltschutz in Brasilien massiv geschwächt. "Die Regierung will Schutzgebiete verkleinern und hat dafür einen Pakt mit illegalen Goldgräbern geschlossen. Bolsonaros Politik wirft Brasiliens mühsam aufgebauten Umweltschutz um 40 Jahre zurück."

Anstatt die Kritik ernst zu nehmen, agiert Bolsonaro immer ungenierter. Durch seine planlose Corona-Politik und den Rücktritt zahlreicher Minister steht er extrem unter Druck. Auch die Kritik an der Umweltbehörde Ibama. "Ich werde herausfinden, wer für die überzogenen Razzien verantwortlich ist", droht Bolsonaro. "Man darf fremdes Eigentum nicht anzünden. Keine Bagger und keine LKW. So sehe ich das".

Dabei interessiert den Präsidenten offenbar kaum die Lage der isoliert lebenden Ureinwohner, die Angst vor dem Corona-Virus haben. Laut Experten ist ihr Immunsystem anfälliger für das Virus. Ebenso wenig scheint Bolsonaro die Urwaldrodung zu stören. Seit Jahresbeginn wurde in Brasilien so viel Regenwald vernichtet wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Allein im April verschwand eine Fläche etwa so groß wie der Bodensee. Auch die Kontrollen der Umweltpolizei konnten daran nichts ändern.

Beamten im Visier der Urwald-Mafia

Die Beamten geraten zunehmend ins Visier der Urwald-Mafia. Ein Ibama-Kontrolleur wurde im April Opfer eines wütenden Mobs. Nach der Beschlagnahmung eines illegalen Holztransports, bewarfen Holzfäller den Polizisten mit einer Glasflasche. Bereits im Vorjahr hatten Kriminelle auf die Beamten während einer Razzia geschossen. Außerdem schwächt Bolsonaro die Ibama-Polizei personell. Sein Umweltminister versetzte zwei Beamte nach einer erfolgreichen Razzia auf unbedeutende Verwaltungsposten. Darunter auch den langjährigen Koordinator Hugo Loss, der die Razzia in Pará leitete. Dabei hatte Loss nur seinen Job gemacht, gemäß der brasilianischen Verfassung: Er verteidigte Brasiliens Schutzgebiete im Amazonas-Regenwald.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 24. Mai 2020 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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