Jair Bolsonaro (l), Präsident von Brasilien, posiert für Fotos mit dem Maskottchen einer landesweiten Covid-Impfkampagne, genannt "Ze Gotinha". | dpa

Covid-19-Pandemie Brasiliens lustloser Kampf gegen Corona

Stand: 10.01.2021 01:49 Uhr

Nahezu alle Hersteller von Corona-Impfstoff haben in Brasilien die Wirksamkeit getestet. Doch die Regierung hat es verschlafen, sich marktreife Vakzine zu sichern. Präsident Bolsonaro zeigt kein Interesse an einer Strategie.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Julio Barbosa ist sicher, er hat kein Placebo bekommen. Er ist Proband für BioNTech und Pfizer und hat gehört, dass die Wirksamkeit des Impfstoffes sehr hoch sei. Das glaubt der junge Krankenpfleger gerne, denn in seiner Station haben sich ausnahmslos alle anderen Pfleger mit Covid-19 infiziert, nur er nicht.

Peter Sonnenberg

Außerdem hatte er Nebenwirkungen. Er fühlte sich etwas schlapp, nachdem er das neue Präparat gespritzt bekommen hatte, und die Einstichstelle tat lange weh. Doch das könnte auch passieren, wenn es nicht der Corona-Impfstoff war. Das Placebo sei Hepatitis-Impfstoff, habe man ihm gesagt.

200.000 Menschen haben sich infiziert

Barbosa hat eine Tochter und seine Eltern leben neben ihnen im Nachbarhaus. Um sie hat er sich, wie es wohl auf der ganzen Welt die jüngeren Erwachsenen tun, die ganze Zeit am meisten Sorgen gemacht. Auch wegen ihnen hatte er das Gefühl, er tut etwas Gutes, wenn er sich als Freiwilliger für die Tests melde. Geld bekommen die Brasilianer nicht für ihre Bereitschaft. Nur ein Mittagessen. "Es ist klar, warum so viele Hersteller nach Brasilien gekommen sind, für ihre Tests", sagt er. "In einem Land mit wenig Infektionen weiß man am Ende nicht, ob die Leute sich nicht angesteckt haben, weil sie geimpft worden sind oder weil sie einfach keinen Kontakt mit dem Virus hatten."

In Brasilien ist es schwer, keinen Kontakt mit Covid-19 zu haben. Es gibt mittlerweile mehr als acht Millionen Infizierte, mehr als 200.000 Menschen sind mit dem Virus gestorben. "In Brasilien gibt es zwei Arten damit umzugehen", sagt Barbosa: "Die kleinere Gruppe an Leuten geht gar nicht mehr raus; aber die meisten Brasilianer machen fast genau so weiter, als gäbe es keine Pandemie. Die Strände sind voll, genau wie Restaurants und Bars, zu viele tragen keinen Mundschutz, halten keinen Abstand, gehen arbeiten und fahren mit vollen Bussen."

Die Familie von Julio Barbosa ist enttäuscht. Sie hatten sehr auf einen Impfstoff gehofft. "Jetzt impft schon die halbe Welt und die Hersteller verkaufen die begehrten Ampullen in viele Länder, aber nichts davon kommt nach Brasilien."

Geplatzte Verhandlungen mit BioNTech

Der Virologe Roberto Medronho von der Universität Rio de Janeiro stellt gleich klar, dass die Schuld dafür nicht bei den Herstellern liegt, sondern bei der brasilianischen Regierung. "Brasilien ist eines der wichtigsten Länder für die Impfstoffproduktion der ganzen Welt. Gerade hier hätte genug Wissen vorhanden sein müssen, um rechtzeitig zu merken, dass Covid-19 Impfstoff hocheffizient intramuskulär gespritzt werden könnte", sagt er. Also hätte man sich frühzeitig um die Beschaffung von Einmalspritzen kümmern müssen. "Das ist nicht geschehen."

Jetzt sei der Markt völlig aufgebläht und es sei weltweit nur noch sehr schwer an Spritzen heranzukommen. "Der Preis für Spritzen sei stark gestiegen und Präsident Jair Bolsonaro hat gesagt, dann kaufe er halt gar nichts mehr", erzählt der Virologe. "Das kann doch nicht die Lösung sein!" Wenn Bolsonaro keine Spritzen kauft, dann werde hier auch keiner geimpft.

Mit den Firmen BioNTech und Pfizer waren die Verhandlungen für 70 Millionen Dosen schon weit vorangeschritten. Dann habe die Regierung einen Rückzieher gemacht und der Firma die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das war ein großer Fehler, sagt Roberto Medronho. "Heute könnten schon 25 Millionen Brasilianer geimpft sein."

Spott vom Präsidenten

Für Präsident Bolsonaro bleibt Corona eine "kleine Grippe". Er trägt keine Masken, veralbert die, die es tun. Ziel seines Spottes war auch João Doria, derGouverneur von Sao Paulo. Doria, wahrscheinlicher Gegner Bolsonaros bei der Präsidentenwahl in zwei Jahren, versuchte sich für seinen Bundesstaat schon früh den Impfstoff Coronavac des chinesischen Herstellers Sinovac zu sichern. Bereits im Oktober hatte sein Gesundheitsminister den Kauf von 46 Millionen Dosen für Sao Paulo angekündigt. "Wer diese Impfung bekomme", gab daraufhin Präsident Bolsonaro zum Besten, "werde sich wahrscheinlich in ein Krokodil verwandeln."

Was für die meisten nach einem unangebrachten Scherz klingt, trifft in Brasilien, vor allem in den Gebieten ohne Zugang zu höherer Bildung, viele offene Ohren. Schlimmer aber, der Präsident verhinderte den Kauf und es folgte ein monatelanges politisches Gezerre -bis vergangenen Freitag. Am 8. Januar bestätigte die Bundesregierung den Kauf der 46 Millionen Dosen und als Impfstart für Sao Paulo steht der 25. Januar im Raum.

Der Virologe Medronho argwöhnt Kalkül: Der 25. Januar ist nämlich der Geburtstag der Stadt. "Eine solche Politisierung, wenn Menschenleben davon abhängen, darf es doch nicht geben", sagt er. Wenn der Impfstoff morgen samt Zulassung da wäre, müssten die Behörden anfangen, zu impfen!

Kein Vakzin bisher zugelassen

Aber genau da liegt das nächste Problem: Selbst, wenn schon mehr Impfstoff im Land wäre, keines der weltweit erhältlichen Vakzine ist in Brasilien bereits zugelassen. Die zuständige Behörde (ANVISA) hat bisher keinen Antrag auf Zulassung einer Impfung bekommen. Vom Tag der Antragstellung an, so die Verlautbarung, würde es nochmal zehn Tage bis zu einer Zulassung dauern.

Und es fehlt eine Impfstrategie. Wer weiß, wie viele Diskussionen in anderen Ländern um die Impfreihenfolge herrschten, wird nicht vermuten, dass man sich ausgerechnet in Brasilien schnell auf einen Plan dafür wird einigen können. Doch das entscheiden die Bundesstaaten für sich. Eine Impfpflicht soll es in Brasilien nicht geben. Aber im Gespräch sind harte Sanktionen für die, die sich nicht impfen lassen: Verbote beispielsweise Geschäfte oder Gastronomiebetriebe zu betreten, Reiseverbote oder der Ausschluss von Kindern nicht geimpfter Eltern vom Schulunterricht.

Wenn es dann in Brasilien wirklich losgeht mit den Impfungen, dann wird es wieder zwei Arten geben, damit umzugehen, so wie der Pfleger Barbosa es gesagt hat: Die einen werden froh sein, sich endlich impfen lassen zu können, die anderen werden es machen wie ihr Präsident, der längst angekündigt hat, dass er sich auf gar keinen Fall impfen lassen wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Januar 2021 um 12:00 Uhr.