Ausgebranntes Nationalmuseum in Rio | Bildquelle: REUTERS

Nach Museumsbrand in Brasilien "Ergebnis neoliberaler Sparpolitik"

Stand: 04.09.2018 09:29 Uhr

Das Nationalmuseum in Rio ist abgebrannt - und damit auch ein Stück Geschichte. Neben Trauer und Schock mischt sich auch Wut. Hätte der Brand verhindert werden können?

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

Gemeinsam singen sie die Nationalhymne und umrunden Hand in Hand das ausgebrannte Gebäude - eine lange Menschenkette, wie eine Umarmung des historischen Nationalmuseums. Hunderte sind am Tag nach dem großen Brand gekommen, voller Trauer, aber auch voller Wut über das, was geschehen ist.

Eine vorhersehbare Katastrophe?

Für die meisten hier war es eine vorhersehbare Katastrophe. Auch für die Künstlerin Marcia Tiburi, die sich vor einem Jahr der Arbeiterpartei in Rio angeschlossen hat. "Das ist eine Metapher für das, was mit Brasilien passiert", sagt sie. "Es ist das Ergebnis der neoliberalen Sparpolitik. Es ist so bizarr und schockierend." Bis auf ein paar Ausnahmen, die gerettet werden konnten sind 20 Millionen Kunstgegenstände zerstört oder beschädigt worden.

Drohenbild von ausgebrannten Nationalmuseum in Rio | Bildquelle: AFP
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Drohenbild vom ausgebrannten Nationalmuseum in Rio: Nur noch Mauern ragen in den Himmel.

Ein Stück Geschichte verbrannt

Schätze wie das über 12.000 Jahre alten Skelett von Luzia, einem der ältesten in Amerika gefundenen Menschenschädel, ägyptische Mumien, Kunsthandwerk, Schriftstücke, Dokumente. Von einem Tag auf den anderen ist ein Stück Geschichte verbrannt, nicht nur der von Brasilien sondern der Welt.

Auf Drohnenbildern ist das Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Der historische Bau, vor 200 Jahren von König Joao VI. als Hort der Forschung und der Wissenschaft eingeweiht, ist zu großen Teilen ausgebrannt. Nackt ragen die Mauern in den Himmel, die Flammen haben den Dachstuhl, Zwischenböden und Stockwerke verschlungen - 13.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Forderung nach rascher Untersuchung

Es ist das größte Natur- und Völkerkundemuseum Lateinamerikas und eines der ältesten Museen in Brasilien. Im Hauptteil ist außer einem Meteoriten alles verbrannt. Was aus den restlichen Abteilungen gerettet werden konnte, ist noch nicht abzusehen, sagt der Museumsdirektor Alexander Kellner. Was aber feststehe: Das Feuer betreffe jeden, nicht nur die Institution.

"Ich möchte wissen, was passiert ist und wie das passieren konnte. Ich fordere eine genaue Untersuchung der Umstände, wir stehen zur Verfügung, um bei der Aufklärung zu helfen", sagte Keller. Aber es reiche nicht, nur den Verlust zu beweinen. "Wir müssen tätig werden, wir müssen dafür kämpfen, zu bewahren, was von der Geschichte unseres Landes übrig geblieben ist."

Nach verheerendem Brand im Nationalmuseum: Demonstranten protestieren gegen Regierung
tagesschau 9:00 Uhr, 04.09.2018

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Wütende Proteste

"Stoppt den Ausverkauf von Bildung, Wissenschaft und Kultur", rufen die Demonstranten von dem Museum. Viele von ihnen sind Studierende oder Professoren der Bundesuniversität von Rio de Janeiro, die mit dem Museum verbunden ist. Seit Monaten schlagen sie Alarm: Eine Regierung nach der anderen habe sich geweigert, die für den Erhalt des Gebäudes dringend erforderlichen Mittel bereitzustellen.

Ausgebranntes Nationalmuseum: Trauer in Rio | Bildquelle: AFP
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Ausgebranntes Nationalmuseum: Neben stiller Trauer ...

Proteste in Rio de Janeiro | Bildquelle: AP
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... gibt es auch wütende Proteste in Rio.

Jahrelange Unterfinanzierung?

Der Bundesstaat Rio hat angesichts der Wirtschaftskrise den Finanznotstand erklärt. Wie immer seien Kultur und Wissenschaft die ersten, bei denen gekürzt werde, sagt die  Mathematikprofessorin Tatiana Roque.

"Es ist offensichtlich dass dies eine Folge der jahrelangen Unterfinanzierung ist. Universitäten, Forschungsinstitute und die Kultur werden mehr und mehr vernachlässigt", so Roque. Das kam nicht von heute auf morgen. Dahinter steckt ein bewusstes Missmanagement, das fast alle unseren öffentlichen Einrichtungen betrifft. Und das zeigt, es gibt kein Interesse in unsere Kultur, in unsere Geschichte, in ein kollektives Erinnern ."

Mangelhafter Brandschutz

Der Brandschutz war veraltet und unzureichend. Bei den Löscharbeiten verlor die Feuerwehr wertvolle Minuten, weil auf dem Gelände kein Wasser zu finden war. Die Einsatzfahrzeuge mussten es aus einem nahegelegenen See herantransportieren.

Renovierung schon 2013 beantragt

Traurige Ironie: Gerade sei die Finanzierung einer gründlichen Renovierung gesichert worden, doch sie kam zu spät. Beantragt hatte das Museum die Renovierung bereits im Jahr 2013. Doch damals habe Brasilien Abermillionen in den Bau von Stadien für die Fußballweltmeisterschaft gesteckt habe. Ein Viertel des Geldes für den Bau dieser Stadien hätte genügt, dieses Museum sicher prächtig zu machen, sagte der Vizedirektor des Museums Luiz Fernando Dias Duarte dem brasilianischen Fernsehen.

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Großbrand im Nationalmuseum, 03.09.2018

Das Nationalmuseum in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro steht in Flammen

Ein verheerender Großbrand hat das Nationalmuseum in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro heimgesucht. | Bildquelle: AP

Präsident Temer sprach von einem tragischen Tag für Brasilien. Später teilte er mit, mehrere private Banken, die öffentliche Entwicklungsbank, das Bergbauunternehmen Vale und der staatliche Ölkonzern Petrobras bildeten ein "Netzwerk wirtschaftlicher Unterstützung" zum Wiederaufbau des Museums.

Wer trägt Schuld am Museumsbrand?
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
04.09.2018 07:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. September 2018 um 06:24 Uhr.

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