Demonstration gegen die Regierung in Brasilien (Foto: Matthias Ebert)

Brände im Amazonas-Regenwald Die Not und Wut wachsen

Stand: 24.08.2019 03:48 Uhr

Die Brände im Amazonasbecken werden für die Regierung von Präsident Bolsonaro zunehmend zum politischen Problem: Im In- und Ausland wächst der Widerstand gegen sein Vorgehen.

Von Matthias Ebert und Luis Jachmann, ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Flammen lodern meterhoch im Gebüsch - entlang einer stark befahrenen Hauptstraße nahe der brasilianischen 300.000-Einwohner-Stadt Santarém. Hier wüten die Brände seit einer Woche. Ein Sprecher der örtlichen Feuerwehr räumt ein: "Wir haben das nicht unter Kontrolle. Es sind zu viele Brandherde. Sie beginnen als kleine Feuer und breiten sich dann rasant aus. Die Menschen müssen endlich aufhören, die Vegetation anzuzünden." Sein Appell richtet sich an die Brandleger.

Santarém im Norden Brasiliens ist zu einer Hochburg der Soja-Produktion geworden. Seitdem suchen Landwirte neue Ackerflächen. Um diese zu gewinnen, könnten Kriminelle die Feuer nun gelegt haben.

Es ist kein Geheimnis, dass der Urwald seit Jahren durch Brandrodungen zerstört wird. Dabei nutzen anfangs Kleinbauern das dem Wald abgetrotzte Land für ihre Viehherden. Jahre später folgen häufig Agrarunternehmer, die das Gebiet nachträglich legalisieren, um Soja, Mais und Baumwolle anzupflanzen.

Bolsonaro-Regierung toleriert Landraub

Seitdem Jair Bolsonaro Brasilien regiert, ist der Gegenwind für Landräuber stark zurückgegangen. Anders als zuvor müssen sie kaum mehr mit Strafen seitens der Regierung fürchten. So hat die brasilianische Umweltbehörde seit Jahresbeginn deutlich weniger Bußgelder wegen illegaler Rodungen verhängt - obwohl die Abholzung steigt.

Brände auch beim G7-Treffen Thema

Die Amazonas-Brände überschatten auch den G7-Gipfel im französischen Biarritz. Frankreichs Präsident Macron will das Thema an diesem Wochenende auf die Agenda setzen: "Unser Haus steht sprichwörtlichen in Flammen. Der Amazonas, unsere grüne Lunge, brennt."

Macron hält wirtschaftspolitische Maßnahmen für denkbar - zum Beispiel einen Stopp des noch nicht ratifizierten Freihandelsabkommens der EU mit den Mercosur-Staaten. Aus Finnland kommt der Vorschlag, Importe von brasilianischem Rindfleisch zu beschränken. Sanktionen sollen Bolsonaro zu einer nachhaltigeren Umweltpolitik zwingen.

Die Wut auf Bolsonaro wächst

Diese fordert auch Brasiliens ehemalige Umweltministerin Marina Silva. Sie kritisiert, Bolsonaro habe Landarbeiter verbal dazu ermutigt, großflächig Brände zu legen und mache so jahrelange Umweltpolitik in wenigen Monaten zunichte: "Das Land hat heroische Arbeit geleistet, um die Abholzung des Amazonas deutlich zurückzufahren. Und die aktuelle Regierung zerstört nun alle Bemühungen."

Demonstration gegen die Regierung in Brasilien (Foto: Matthias Ebert)
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Immer mehr Brasilianer demonstrieren gegen die Umweltpolitik der Regierung.

Die Wut über Bolsonaro wächst auch in den sozialen Medien. Der brasilianische Fußball-Erstligist Corinthians postete sein Vereinswappen mit einer brennenden Karte Brasiliens. Bei Twitter fordern User unter dem Hashtag #prayforamazon mehr Einsatz gegen die Regenwaldzerstörung.

Betroffene Regionen hoffen auf Hilfe

Bundesstaaten wie Roraima könnten jede Hilfe gebrauchen. Er ist mit am schlimmsten betroffen. Die Behörden zählen hier im August doppelt so viele Feuer wie in den Vorjahren. Einsetzende Regenfälle könnten die Brandherde in den kommenden Tagen zumindest verringern.

Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen den Bränden und der allgemeinen Abholzung. Zehn Kommunen mit den aktuell meisten Bränden wiesen in der Vergangenheit auch die höchsten Abholzungsraten des Amazonasgebiets auf. Das geht aus einem am Dienstag veröffentlichen Bericht des brasilianischen Institutes für Amazonas-Forschung hervor.

Lucas Loureiro, Chefarzt in Cuiabá (Screenshot)
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Der Arzt Lucas Loureiro warnt vor den gesundheitlichen Folgen des Brände.

Die Folgen spüren jetzt sogar die Menschen in den Städten. Im Bundesstaat Mato Grosso sind wegen der starken Rauchentwicklung viele Krankenhäuser überfüllt: "Patienten kommen und klagen über starke Atembeschwerden. Der Rauch ist äußert schädlich für die Lunge", sagt Lucas Loureiro, Chefarzt in Cuiabá. Seit Tagen liegt über der Regionalhauptstadt eine Rauchwolke. Loureiro sieht voller Sorge auf die kommenden Wochen. Denn der September gilt eigentlich als der trockenste Monat mit den meisten Bränden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2019 um 06:00 Uhr.

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