Michel Temer, Präsident von Brasilien, spricht bei einer Pressekonferenz.  | Bildquelle: picture alliance / Marcelo Camar

Folgen der Lkw-Blockaden Brasilien - der gelähmte Gigant

Stand: 02.06.2018 12:31 Uhr

Preise steigen, die Konjunktur lahmt: Die brasilianischen Lkw-Streiks sind beendet - aber die Folgen werden erst deutlich. Die Regierung Temer machte viele Zugeständnisse und wirkt erneut schwach.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Südamerika

Die Brasilianer sind unzufrieden: "Es gibt wieder Salat, Brokkoli und Blumenkohl, aber Hülsenfrüchte fehlen noch und Kartoffeln gibt es auch keine", beschweren sie sich. Oder: "Es fehlt noch eine Menge, wie Karotten oder Maniok. Die sind noch nicht zurück auf den Märkten."

Die Folgen des Lkw-Streiks sind noch immer zu spüren. Mehr als eine Woche lang hatten Fernfahrer Verkehrsknoten, Häfen und Großmärkte blockiert. Die Folgen: leere Regale im Supermarkt und tagelang kein Sprit an den Tankstellen. Die Versorgungslage normalisiert sich nur langsam. Zumal direkt nach den Lkw-Fahrern die Arbeiter der Mineralölfirmen die Arbeit niedergelegt haben.

Lkw-Blockade in Brasilia | Bildquelle: AP
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Tausende Lkw-Fahrer streikten tagelang und blockierten wichtige Straßen mit ihren Fahrzeugen.

Die Preise in Brasilien haben spürbar angezogen. Der Taxifahrer Antonio Cruz aus dem zentralbrasilianischen Goiânina hat beschlossen, den Autoschlüssel an den Nagel zu hängen. Das Geschäft lohne sich nicht mehr: Normalerweise sei er mit 50 Real nach Hause gegangen, wenn es gut lief 70 - aber zuletzt seien es nur maximal 30 Real gewesen. Das sind umgerechnet sieben Euro am Tag.

Eigentlich sollten auch die Taxifahrer streiken, aber die hätten eben nicht die Macht, ein Land lahm zu legen, so wie die Lkw-Fahrer. "Wir Taxifahrer haben auch schon gestreikt, aber dann fahren die Kunden halt mit Uber. Wenn wir nicht arbeiten, freut sich Uber."

Leeres Supermarktregal in Brasilia wegen des Lkw-Streiks | Bildquelle: Joedson Alves/EPA-EFE/REX/Shutte
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Viele Waren kamen deswegen nicht mehr in den Geschäften an.

Regierung wirkte unvorbereitet

Der Streik der Lkw-Fahrer hatte fatale Auswirkungen in ganz Brasilien - und er hat die Regierung völlig unvorbereitet getroffen. Präsident Michel Temer habe alle Warnungen ignoriert, heißt es in der Hauptstadt Brasilia.

Letztlich musste er viele Forderungen der Fernfahrer erfüllen - sie müssen jetzt weniger Maut zahlen und der Staat greift auch wieder in die Treibstoffpreise ein. Temer hatte die Preise erst freigegeben, jetzt werden die Diesel-Preise wieder künstlich niedrig gehalten.

Das bringt den mächtigen und für Brasilien so wichtigen Ölkonzern Petrobras in Schwierigkeiten. Der Börsenwert ist in wenigen Tagen um ein Drittel eingebrochen und Petrobras-Chef Pedro Parente reichte seinen Rücktritt ein.

"Das werden alle Verbraucher zahlen"

Der Wirtschaftswissenschaftler Alexandre Schwartsmann warnt, die Rechnung werde der Durchschnitts-Brasilianer bezahlen: Wenn die Regierung den Unterschied ausgleicht, würden alle zur Kasse gebeten: "Die Fernfahrer bekommen billigeren Diesel, müssen weniger Steuern zahlen, bekommen garantierte Mindestpreise - das wird irgendjemand zahlen müssen. Und kein Zweifel, das werden alle Verbraucher bezahlen."

Er dürfte Recht behalten. Die Zeitungen melden, die Regierung müsse bei Bildungs- und Sozialausgaben streichen, um die Dieselsubventionen auszugleichen. Die Regierung plane Einschnitte bei Universitätsstipendien und bei Programmen zur Drogenprävention.

Streikende LKW-Fahrer vor einem Treibstofflager in Brasilia | Bildquelle: AP
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Die Privilegien für die Fernfahrer gehen wohl auf Kosten der Allgemeinheit.

Probleme für die Konjunktur

Und sicher ist, dass der Streik Bremsspuren in der Konjunktur hinterlässt: Auch die Industrie war tagelang gelähmt. Ein halber Prozentpunkt Wirtschaftswachstum, schätzen Fachleute, geht auf das Konto des Streiks. Das bedeutet, die Wirtschaft werde dieses Jahr nur um zwei Prozent wachsen.

Dazu komme der Vertrauensverlust. Investoren aus dem Ausland würden von den Streiks und den staatlichen Eingriffen in den Markt abgeschreckt, sagt der Wirtschaftsexperte Fabio Giambagi: "Die Investoren wissen, dass wir nicht so schlimm sind wie manche Länder in Afrika, aber wir sind auch weit entfernt davon, wie die Schweiz oder Schweden zu sein."

Die Investoren wüssten, dass Brasilien ein "hybrides Modell" habe, in dem das Pendel mal nach rechts, mal nach links ausschlage. In diesen Tagen sehe es leider so aus, als ob dass das Pendel beim Dieselpreis wieder Richtung Intervention und Eingriff in die Märkte schwinge. "Ich hoffe, das ist nur vorübergehend", sagt Giambagi.

Die Stimmung in Brasilien ist jedenfalls miserabel. Vier Monate vor den Wahlen proben Gewerkschaften den Aufstand gegen die unbeliebte Regierung, die ziemlich hilflos wirkt. Noch immer ist nicht klar, wer eigentlich bei der Wahl antreten darf. Die Wirtschaft kommt langsamer in Schwung als erwartet und vom zaghaften Aufschwung kommt bei den meisten Brasilianern noch nichts an.

Der gelähmte Gigant - Die Folgen der Lkw-Blockaden
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
02.06.2018 12:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Mai 2018 um 23:36 Uhr.

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