Skyline von London

Brandschutz in Großbritannien Durchfallquote: 100 Prozent

Stand: 30.06.2017 20:34 Uhr

Nach der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower haben die Behörden Brandschutztests bei anderen Hochhäusern durchgeführt. Das bittere Ergebnis: Keines der 149 bislang geprüften Gebäude bestand den Test. Auch in Deutschland schlagen Feuerwehrleute Alarm.

Es ist eine verheerende Bilanz für die Sicherheit in britischen Hochhäusern. Die Behörden haben bislang 149 besonders hohe Gebäude einem Brandschutztest unterzogen. Keines der getesteten Objekte bestand den Sicherheitscheck. Das erklärte eine Sprecherin der britischen Premierministerin Theresa May.

Insgesamt sollen etwa 600 Hochhäuser in Großbritannien auf Brandgefahr untersucht werden. Grund ist die Feuerkatstrophe im Grenfell Tower. Dabei waren etwa 80 Menschen ums Leben gekommen. Experten monierten einen zu schwachen Brandschutz in dem erst kürzlich renovierten Gebäude. Offenbar trug die Fassadendämmung zur rasanten Ausbreitung des Feuers bei.

Sonderermittler ernannt

May ernannte den ehemaligen Richter Martin Moore-Bick zum Leiter für die offizielle Untersuchung des Unglücks. Er sei "höchst respektiert und enorm erfahren", teilte May mit. Er werde vor Beginn der Untersuchung alle konsultieren, die ein berechtigtes Interesse hätten, einschließlich der Überlebenden und Angehörigen der Toten.

Neue Vorwürfe gegen Hausverwaltung

Zudem wurden neue schwere Vorwürfe gegen die kommunale Hausverwaltung des Grenfell Towers bekannt: Wie die britische Zeitung "The Times" und der Rundfunksender BBC berichteten, pochte das beauftragte Gebäudemanagement KCTMO bei der Sanierung 2014 auf Kostensenkungen. Die für die Fassadenverkleidung zuständige Baufirma wurde demnach gebeten, den Sozialbau mit billigeren, aber weniger feuerfesten Platten zu verkleiden.

In einer E-Mail an die beauftragte Firma Artelia UK verlangte die Hausverwaltung dem Bericht zufolge im Juli 2014 einen "guten Preis" für die Sanierung. Sie schlug demnach unter anderem vor, statt Zinkplatten leichter entflammbare Aluminiumplatten zu verwenden - und damit rund 293.000 Pfund (333.000 Euro) einzusparen.

Unterdessen versinkt die zuständige Verwaltung des Londoner Bezirks Kensington weiter im Chaos: Der Bezirksvorsitzende und der Leiter der kommunalen Wohnungsgesellschaft kündigten ihren Rücktritt an. Bereits am Donnerstagabend war es bei einer Sitzung des Bezirksrats in Kensington und Chelsea zu tumultartigen Szenen gekommen, nachdem der Vorsitzende die Öffentlichkeit ausschließen wollte.

Fachleute fordern Nachbesserungen auch in Deutschland

Die Brandkatastrophe hat auch Auswirkungen auf Deutschland. Laut "Spiegel" fordern Fachleute in einem Schreiben an die Bauministerkonferenz und das Deutsche Institut für Bautechnik einen besseren Brandschutz hierzulande. Der Deutsche Feuerwehrverband, die Arbeitsgemeinschaft der Berufsfeuerwehren und die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes kritisieren, Fassadendämmungen könnten derzeit trotz aller technischen Vorgaben abbrennen.

Wenn Dämmverbundsysteme mit Styropor (Polystyrol) Feuer fingen, seien häufig Bewohner anderer Geschosse ums Leben gekommen, weil sich das Feuer über die Fassade ausgebreitet habe, so die Verbände in ihrem Brief. Die Fachleute fordern daher unter anderem Brandriegel für jedes Stockwerk. Erdgeschosse müssten mit nicht brennbarem Material gedämmt werden, wenn davor Autos oder Mülltonnen stünden. Ältere Bauten sollten nachgebessert werden.

Deutsche Städte lassen Brandschutz testen

Frankfurt regierte bereits. Die Stadt will mehrere der rund 540 Hochhäuser auf ihren Brandschutz testen lassen. Die genaue Anzahl ist unbekannt. Infrage kämen lediglich ältere Hochhäuser, die vor 1984 gebaut wurden, sagte der Sprecher des Planungsdezernats, Mark Gellert. Das Gros der mindestens 34 Jahre alten Hochhäuser sei in den vergangenen Jahren bereits mindestens einmal saniert worden. Die Bauaufsicht werde mit Hilfe der Eigentümer und des Brandschutzes prüfen, ob und welche Hochhäuser unter die Lupe genommen werden sollen.

In Nordrhein-Westfalen war in Wuppertal bereits ein Hochhaus geräumt worden. Andere Städte wie Recklinghausen oder Bielefeld überprüfen eigenen Angaben zufolge ebenfalls ihre Bauten.

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