Blick auf niedergebrannte Unterkünfte im Flüchtlingslager von Moria | AFP

Nach dem Brand in Moria Wo sollen die Bewohner nun hin?

Stand: 09.09.2020 13:52 Uhr

Nach dem Großbrand im griechischen Flüchtlingslager Moria sind Tausende Bewohner obdachlos. Hilfsorganisationen arbeiten an schnellen Lösungen. Dass es einige Corona-Fälle gab, macht die Lage nicht einfacher.

Für knapp 3000 Bewohnerinnen und Bewohner war das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos konzipiert, zuletzt lebten etwa 12.500 Menschen dort - jetzt ist das Camp zu weiten Teilen zerstört. Helfer schätzten, dass rund ein Drittel des Lagers abgebrannt sei. Betroffen sei unter anderem das Zentrallager, schrieb der Geschäftsführer der Organisation Wadi, Thomas Osten Sacken, auf Facebook.

Fernsehbilder zeigten am Morgen schwelende Überreste von Wohncontainern und Zelten, einige Bewohner suchten in den Trümmern nach persönlichen Gegenständen. Viele Migranten versuchten auf der Nationalstraße in die Inselhauptstadt Mytilini zu gelangen. Die Polizei hielt sie auf. "Menschen schlafen links und rechts auf den Feldern", sagte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur Reuters.

"Schwierige Situation"

"Es ist eine sehr schwierige Situation, weil einige von jenen, die da draußen sind, positiv auf das Coronavirus getestet worden sind", so der Bürgermeister von Mytilini im privaten Radiosender Skai. Im griechischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ERT sagte Kytelis, man wisse nicht, wo die Menschen nun bleiben sollten, Tausende seien obdachlos. Auch für die Einheimischen sei die Situation eine enorme Belastung. Er brachte ins Gespräch, die Migranten auf Schiffen unterzubringen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Die Menschrechtsorganisation Amnesty International berichtete ebenfalls, die Migranten harrten mit ihrem Hab und Gut auf der Straße aus. Nötig seien schnelle und pragmatische Lösungen. Die Menschen müssten aufs Festland gebracht werden und auf andere europäische Staaten verteilt werden. Caritas international stellte 50.000 Euro Soforthilfe für die Flüchtlinge bereit. Schnelle materielle und psychologische Hilfen seien entscheidend.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR teilte mit, eine vorübergehende Lösung zur Unterbringung der Menschen sei in Arbeit. Die ehemaligen Bewohner von Moria seien daher gebeten, in der Nähe zu bleiben.

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Regierung geht von Brandstiftung aus

Die Feuer brachen in der Nacht gleichzeitig an mehreren Stellen im Lager aus. Die griechische Regierung geht deshalb von Brandstiftung aus und hat eine Krisensitzung einberufen. Manche Lagerbewohner sprachen von Brandstiftung von Inselbewohnern. Anderen Berichten zufolge hatten Migranten selbst Feuer gelegt. Starker Wind fachte die Brände an. Die Behörden begannen noch in der Nacht, Menschen aus dem Lager zu bringen. Andere flohen in die umliegenden Hügel vor den Flammen.

Dem Großbrand vorangegangen waren Unruhen unter den Migranten, weil das Lager nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war. Gestern wurde bekannt, dass die Zahl der Infizierten bei 35 liege. Manche Migranten hätten daraufhin das Lager verlassen wollen, um sich nicht mit dem Virus anzustecken, berichtete die halbstaatliche griechische Nachrichtenagentur ANA-MPA. Einige Infizierte und ihre Kontaktpersonen, die isoliert werden sollten, hätten sich hingegen geweigert, das Lager zu verlassen und in Isolation gebracht zu werden.

Nach Ausbruch des Feuers hätten Lagerbewohner die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Sondereinheiten der Bereitschaftspolizei waren im Einsatz. Athen hat nun weitere Einheiten vom Festland auf die Insel geschickt.

Fordungen nach rascher Hilfe von der EU

Die Verantwortung für die jüngste Eskalation sieht die Hilfsorganisation medico international bei der EU. "Man kann Menschen nicht jahrelang im Dreck leben lassen, ihnen Rechte vorenthalten, sie schließlich ungeschützt einer Pandemie aussetzen und dann überrascht sein, wenn sie gegen ihre Lebensbedingungen aufbegehren", so die Referentin für Flucht und Migration, Ramona Lenz. "Nach diesem verheerenden Brand darf Europa nicht länger die Augen verschließen und muss Moria und die anderen Lager auf den griechischen Inseln endlich evakuieren."

Erik Marquardt, Abgeordneter im EU-Parlament, über die Situation in Moria

"Es ist noch nicht klar, wie groß der Schaden ist. Ich habe jetzt gehört, dass 35 bis 40 Prozent des Lagers komplett zerstört wurden und man auch im Rest momentan nicht leben kann. Da sind auch Strukturen für Essensausgaben, Gesundheitsversorgung et cetera abgebrannt, wahrscheinlich auch sehr viele Hilfsgüter - und es gibt leider auch keine Evakuierungspläne. Eine Vorbereitung für ein solches Szenario gab es nicht.

Es ist jetzt wichtig, sehr schnell zu zeigen, dass man handeln und humanitäre Hilfe leisten kann; auch schauen, wie man vermeiden kann, dass jetzt Leute zusammengedrängt in großen Zelten sitzen und sich gegenseitig mit dem Coronavirus infizieren. Es gilt, die Menschen vor dem Coronavirus und vor unwürdigen Lebensbedingungen zu schützen.

Auf Dauer ist aber auch wichtig zu verstehen: Wenn die griechischen Inseln weiterhin die europäische Migrationspolitik auffangen müssen, wird das zu Situationen führen, die in der gleichen Katastrophe münden können. Da muss jeder einzelne europäische Staat sich fragen, welche Möglichkeiten er hat, in so einer Notlage zu helfen und nicht immer mit dem Finger auf die anderen zu zeigen."

Ähnlich äußerte sich die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. "Es ist erbärmlich, dass die Bundesregierung nur 928 Schutzsuchende aufnehmen will. Für Tausende gibt es keine Lösung, obwohl Deutschland und andere EU-Staaten sie locker aufnehmen könnten", sagte Geschäftsführer Günter Burkhardt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. September 2020 um 12:00 Uhr.