Emily beim Training (Screenshot)

Die Boxgirls von Nairobi Superhelden gegen die Gewalt

Stand: 07.08.2018 01:44 Uhr

In einem Armenviertel von Nairobi trainieren rund 20 Mädchen das Boxen. Das Ziel: Die "Boxgirls" stark machen für einen Alltag, der von Gewalt und Vergewaltigung geprägt ist.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

"Härter! Härter! Nochmal! Komm schon!" Emily Juma rinnt der Schweiß über das Gesicht, ihre Arme hält sie immer tiefer. Aber sie gibt nicht auf. Sie schlägt immer wieder auf die Handschuhe ihrer Trainerin. "Wenn ich kämpfe, dann stelle ich mir vor, jemand will mich vergewaltigen. Und ich versuche, mit aller Kraft, ihn davon abzuhalten", sagt die 19-Jährige.

Solche Wörter - "Gewalt", "Vergewaltigung" und "Widerstand" - fallen hier häufig. Emily Juma spricht dagegen nicht von der Angst vor dem Nachhauseweg im Dunkeln. Sie lebt im Armenviertel Kariobangi in Nairobi, ihre Sorgen sind hier Alltag.

Emily zuhause (Screenshot)
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Emily Juma boxt auch für mehr Selbstbewusstsein.

"Als Frau musst Du härter kämpfen"

Rund 20 Mädchen zwischen acht und 19 Jahren laufen durch den fast leeren Raum. Einige tragen Sportsachen, manche die Sandalen und Röcke, die sie schon den ganzen Tag tragen. Zunächst wird sich aufgewärmt: Im Kreis rennen, dehnen, Liegestütze. Emily Juma kommt kaum außer Atem, schon seit zehn Jahren trainiert sie hier Boxen.

"Als Frau musst Du in der Gesellschaft härter kämpfen, um das zu bekommen, was Männer haben", sagt sie. "Schon als Mädchen musst Du Deine eigenen Entscheidungen treffen und lernen, Ja oder Nein zu sagen." Die Mädchen stark machen, damit sie sich wehren können und für sich selbst einstehen - das möchte der Verein "Boxgirls", der in Kenia solche Trainings für Mädchen anbietet. Finanziert wird der Unterricht aus Spenden.

Boxgirls beim Training (Screenshot)
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Die Boxgirls beim Training.

"Dann fühle ich mich wie ein Superheld!"

Emily habe am Anfang nicht mit ihnen reden wollen, erinnert sich ihre Trainerin Sarah Achieng, so schüchtern sei sie gewesen. Sarah ist Emilys Vorbild. Sie ist auch durch die "Boxgirls" zum Sport gekommen und sogar international erfolgreich. 2016 gewann sie in Russland einen Boxtitel im Leichtgewicht. "Wenn ich boxe, dann fühle ich mich stark. Dann kann ich auch mit meinen Problemen außerhalb des Boxrings klar kommen", sagt Sarah Achieng. Und fügt lachend hinzu: "Dann fühle ich mich wie ein Superheld!"

Emily Juma wohnt noch bei ihren Eltern. Sie möchte Krankenschwester oder Ärztin werden. Der Verein bezahlt das Schulgeld. Ihre Eltern waren anfangs gegen das Boxtraining. "Es gab das Gerücht, dass es für Frauen, die diesen Sport machen, schwierig ist, zu heiraten", erzählt Emily Juma und muss lachen. "Weil Männer fürchten würden, dass ihre Frauen sie dann schlagen." Doch die traurige Wahrheit ist, ihre Töchter verheiraten zu können, ist für viele Eltern hier sehr wichtig.

Kinder durchsuchen Müll im Slum in Nairobi (Screenshot)
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Kinder durchsuchen Müll in einem Slum von Nairobi.

Der Stolz auf die innere Verwandlung

Emily Jumas Mutter setzt nicht auf eine Heirat, sondern ganz auf ihre Tochter. "Sie war dumm in der Schule, aber seit sie boxt, hat sie ein Ziel", sagt Fridah Mwikali ganz offen. Emily sitzt neben ihr auf dem Bett. "Sie war schüchtern, und wenn man mit ihr sprach, tat sie so, als würde sie das nicht hören. Aber jetzt benutzt sie ihren Kopf." Schon wieder lacht Emily laut auf. "Meine Mutter hat es gerade offen ausgesprochen", sagt sie ehrlich. Und ist sehr stolz auf sich und ihre Verwandlung. "Ich kann es weit schaffen. Anderen ein Vorbild sein. Ich bin eine Feministin und stolz auf das, was ich mache."

Emily und ihre Mitter zuhause (Screenshot)
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Emilys Mutter ist stolz auf die Entwicklung ihrer Tochter.

Emilys Heimat im Slum (Screenshot)
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Das Leben im Slum ist einfach und hart.

Die Folgen des Patriarchats

In Kenia heiraten laut UN-Kinderhilfswerk 23 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag. Vier Prozent werden verheiratet, bevor sie 15 Jahre alt sind. "Das hat große wirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Folgen für die Mädchen", sagt Irene Walid von der Hilfsorganisation Save the children.

"Viele verlassen die Schule, müssen im Haushalt der Familie ihres Mannes helfen. Sie werden früh schwanger und haben als junge, unerfahrene Frauen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung." Die Unterstützung für Mädchen sei in vielen Familien niedriger als für die Jungen. Das liege an der noch patriarchal organisierten Gesellschaft.

"Mädchen werden verheiratet, wenn sie gut ausgebildet sind. Dann nutzt diese Ausbildung oft der anderen Familie, während Dein Sohn bei Dir bleibt und Dich unterstützt", sagt Walid. Die Mädchen erlebten im Slum oft Gewalt und sexuellen Missbrauch. Sie zu stärken sei wichtig, denn "sie bleiben dann in der Schule, können finanziell auf eigenen Beinen stehen und später ihre Familien ernähren. Und junge Frauen bemühen sich, ihr Umfeld zu verändern, anderen Mädchen ein Vorbild zu sein und die Veränderung in die Gemeinschaft zu tragen."

Siegerehrung nach einem Kampf der Boxgirls (Screenshot)
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Siegerehrung nach einem Kampf der Boxgirls.

"Mädchen können Chefs und Anführer sein!"

"Keine Gewalt aufgrund des Geschlechts!", rufen Schülerinnen der Ekambuli Grundschule bei Kisumu im Westen Kenias und schwenken selbst gemalte Plakate. Die Boxgirls unterrichten auch hier und veranstalten gemeinsam mit der Schule ein Turnier. Es wird protestiert, getanzt, gesungen und - natürlich auch geboxt. Emily Juma ist mitgefahren. Sie steht am Ring und coacht die Kleinsten. "Du machst das gut. Ganz ruhig", sagt sie und reibt dem Mädchen über den Bauch.

Boxgirls hinter Plakaten, die für ihre Organisation werben (Screenshot)
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Mit Plakaten werben die Boxgirls für ihren Verein.

Sie müssten ja nicht Berufsboxerinnen werden, findet Emily, aber etwas erreichen, das sollten alle Mädchen. "Mädchen können Chefs und Anführer sein. Mädchen können Politiker sein. Mädchen können alles werden", sagt sie.

Dann ist sie selbst an der Reihe, zieht ihre Handschuhe an und schiebt sich den Plastikschutz in den Mund. Ihre Trainerin klopft ihr aufmunternd auf den Helm. Emily steigt in den Ring. Ihr Blick ist ganz auf ihre Gegnerin fixiert. "Boxt!", ruft die Ringrichterin. Und Emily geht los in die Mitte des Rings. Sie denkt bei jedem Schlag daran, wie sie sich wehren muss, sollte sie jemand vergewaltigen wollen.

Boxgirls beim Kampf (Screenshot)
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Im Kampf zeigt Emily, dass sie kräftig zuschlagen kann.

Über dieses Thema berichtete NDR "Weltbilder" am 07. August 2018 um 23:30 Uhr.

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