Algeriens Präsident Bouteflika | Bildquelle: AFP

Algerischer Präsident Bouteflika - ein Schatten seiner selbst

Stand: 09.03.2019 02:50 Uhr

Algeriens Staatsoberhaupt war einst der Macher bombastischer Projekte und garantierte Stabilität. Dafür sind dem schwer kranken Bouteflika viele dankbar - doch für die Zukunft reicht es nicht, sagen Kritiker.

Porträt von Stefan Ehlert, ARD-Studio Rabat

Mitreißend konnte er sein auf dem Höhepunkt seiner Macht: "In fünf Jahren haben wir 1,2 Millionen junge Arbeitslose in Lohn und Brot gebracht und in den nächsten fünf Jahren schaffen wir eine weitere Million Jobs, allein für junge Leute", gelobte Abdelaziz Bouteflika 2004.

Im Wahlkampf versprach er das Blaue vom Himmel. Nach fünf Jahren im Amt hielt er die Zügel fest in der Hand, sein Land hatte Geld ohne Ende. Zehn Jahre später hielt er die letzte öffentliche Rede. Algeriens mächtigster Mann - ein Schatten seiner selbst bei seiner Vereidigung zur vierten Amtszeit 2014.

Seit einem Schlaganfall vor rund einem Jahr ist Algeriens Präsident Bouteflika fast gar nicht mehr öffentlich aufgetreten (Archivbild von Januar 2013).
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Seit einem Schlaganfall vor bald sechs Jahren ist Algeriens Präsident Bouteflika fast gar nicht mehr öffentlich aufgetreten (Archivbild von Januar 2013).

Bouteflikas Programm: Mehr, größer, teuer

Schon bald nach seinem Schlaganfall im Jahr 2013 kamen Zweifel daran auf, ob er das riesige Algerien in die Zukunft führen könne. Khalida Toumi, Ex-Kulturministerin Algeriens, sagte schon damals: "Das ist nicht der Bouteflika, den ich kenne, unter dem als Ministerin zu arbeiten ich die Ehre hatte und dessen Programm ich umsetzte."

Das Programm fiel oft recht bombastisch aus, wie sich am besten an der völlig überdimensionierten neuen Moschee in Algier ablesen lässt, Bouteflikas liebstem Projekt: Deutsche Ingenieurskunst mit dem höchsten Minarett der Welt, 265 Meter hoch. Auch ein Wohnungsbauprogramm, das Milliarden kostete, trägt die Handschrift Boutefs, wie die Algerier ihn nennen.

Er hebelte den Arabischen Frühling in Algerien aus

Viel hilft viel - mit dieser Devise konnte Bouteflika auch die zarten Ansätze eines Arabischen Frühlings in Algerien aushebeln. Mehr Subventionen, mehr Jobs beim Staat, mehr öffentliche Bauaufträge - die Ölmilliarden machten es möglich.

Aber, kritisiert sein erster Regierungssprecher und heutiger Widersacher Abdelaziz Rahabi, so lässt sich ein Land nicht fit machen für die Zukunft: "Das ist ein Vorwurf, den ich Herrn Bouteflika mache, dass er das Land nicht in die Moderne geführt hat. Sehen Sie nur die Rückständigkeit, soziale Netzwerke, moderne Technolgien, in den Schulen. Wir haben unglücklicherweise keinen modernen Präsidenten gehabt."

Abdelaziz Bouteflika wurde 1937 geboren, nahm am Befreiungskrieg teil und galt als Held, als er in die Politik ging und mit nur 26 Jahren vom Tourismusminister zum Außenminister aufstieg.

Chef der UN-Generalversammlung wurde er, ging nach einer Korruptionsaffäre ins Exil, um dann wieder mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Nach Ende des blutigen Bürgerkrieges mit bis zu 200.000 Toten war er es, der mit Amnestieangeboten dem Feind die Hand reichte und gleichzeitig mit harter Hand gegen den islamischen Terror im Land vorging.

Der kaum 1,60 Meter große Mann gilt als Vollblutpolitiker und kluger Taktiker. Stabilität war sein Credo, nachdem er sowohl den Befreiungs- als auch den Bürgerkrieg überstanden hatte.

"Du bist nicht mein Präsident" steht auf dem Transparent, das ein junger Demonstrant gegen Bouteflika in Algiers hochhält. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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"Du bist nicht mein Präsident" steht auf dem Transparent, das ein junger Demonstrant gegen Bouteflika in Algier hochhält.

Geflecht aus Wirtschaft, Politik, Militär

Dafür sind ihm die Bürger noch heute dankbar, er hat nach wie vor viele Anhänger. Aber Stabilität bedeutet nicht Stillstand. Doch den beklagten die Algerier in den vergangenen Jahren immer häufiger.

Dazu die Plünderung der Staatskassen durch ein schwer durchschaubares Geflecht aus Politikern, Unternehmern und Militärs. Umgerechnet Tausend Milliarden Euro seien dem Ölstaat entzogen worden, seit Bouteflika an die Macht kam, behaupten manche Kritiker von Le Pouvoir - so nennen sie den Machtzirkel rund um den Präsidenten.

Le Pouvoir, die Macht, war es auch, die den 82-Jährigen nach 20 Jahren ins Rennen um eine fünfte Amtszeit schickte. Ob es dazu kommt, ist nach den jüngsten Massenprotesten zumindest in Frage gestellt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. März 2019 um 07:00 Uhr.

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