Deutsche Botschaft in Prag im September 1989 | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Botschaftsflüchtlinge in Prag "Wir haben sie beneidet"

Stand: 30.09.2019 05:28 Uhr

In die Prager Botschaft der Bundesrepublik flüchteten im September 1989 rund 4000 DDR-Bürger. "Die haben die Freiheit, was wird mit uns?" Das hätten er und viele Tschechen sich damals gefragt, sagt der Prager Arzt Chaloupka.

Von Danko Handrick, ARD-Studio Prag

Von seinem Bürofenster im Krankenhaus kann der Arzt František Chaloupka im Spätsommer des Jahres 1989 zusehen, wie Geschichte geschrieben wird. Und er weiß: Was sich dort unten im Garten der westdeutschen Botschaft abspielt, wird das Leben vieler Tausender verändern. Doch dass es auch sein Leben auf den Kopf stellen wird, ahnt er damals noch nicht.

Jahrzehntelang war es sein Arbeitsweg: Tagtäglich stieg František Chaloupka in Prag die steile Vlašska-Gasse hinauf, vorbei am Lobkowicz-Palais, der Botschaft der Bundesrepublik, bis zum Krankenhaus Pod Petřínem, wo er als Chirurg arbeitete.

František Chaloupka vor dem Zaun des Burgparks in Prag.
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František Chaloupka erlebte mit, wie immer mehr Flüchtlinge aus der DDR in der Botschaft der Bundesrepublikj in Prag Zuflucht suchten.

Die Freiheit lag hinterm Zaun

Im Sommer 1989 muss er sich den Weg durch immer dichtere Flüchtlingsgruppen bahnen, kann von seinem Fenster aus beobachten, wie sich der Botschaftsgarten mit DDR-Bürgen füllt. Bald sind es so viel, dass sie nur noch in Zelten untergebracht werden können. Mit eigenen Augen sieht er, wie täglich erst Dutzende, dann Hunderte Menschen die Polizeiabsperrungen durchbrechen und über den Botschaftszaun klettern, hinter dem die Freiheit lag.

30 Jahre später steht František Chaloupka wieder an diesem Zaun. Er hat Tränen in den Augen, als er sich erinnert. "Sie machen sich keine Vorstellung, wie wir die Flüchtlinge damals beneidet haben. Bis heute habe ich dieses Gefühl in mir: Die haben jetzt die Freiheit, aber was wird mit uns?!“

Als die DDR-Flüchtlinge nach Prag kamen - ein Zeitzeuge berichtet
27.09.2019, Danko Handrick, ARD Prag

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Regen, Schlamm und leuchtende Augen

Täglich zog es Chaloupka mit seiner Frau im September 1989 zu dem Botschaftsgarten, zu den Flüchtlingen. Er versuchte zu helfen: Mit Äpfeln und Keksen für die Kinder und Zigaretten für die Männer.

Das Wetter war regnerisch, der Garten eine Schlammwüste - und doch, erinnert sich Chaloupka, leuchtete den Flüchtlingen damals das Glück in den Augen. Obwohl hinter dem Zaun eingepfercht, waren sie doch schon in der Freiheit, während er selbst - getrennt nur von ein paar Gitterstäben - auf der anderen Seite und in einer völlig anderen Welt stand.

Der linientreue Direktor schwieg

Auch im Krankenhaus halfen Chaloupka und seine Kollegen, wo sie konnten. Sie gaben Tee aus, behandelten Flüchtlinge. Der Direktor, ein linientreuer Genosse, schaute einfach weg. Da verstand Chaloupka, dass auch in Prag bald nichts mehr so sein würde wie zuvor.

Der 30. September 1989: Chaloupka weiß es noch wie heute. Abends rauchte er eine Zigarette auf seinem Balkon in der Prager Altstadt, rund zwei Kilometer Luftlinie von der Botschaft entfernt, als plötzlich ein Jubelschrei über der gesamten Stadt zu hören war. Es war der Jubel der Freiheit.

Genschers Satz hat er nicht gehört, nur die Begeisterung der inzwischen rund 4000 DDR-Flüchtlinge, in der die Worte des Außenministers untergingen: der Jubel der Menschen, die sich die Freiheit erkämpft hatten.

Genscher auf dem Balkon Prager Botschaft 1989 | Bildquelle: dpa
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"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …" - der Rest des Satzes des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher ging im Jubel unter.

Funke für den samtenen Freiheitskampf

Die Tausenden Botschaftsflüchtlinge, die 1989 nach und nach Prag erreichten, fachten auch in der tschechischen Hauptstadt den Funken der Aufruhr an. In der "Samtenen Revolution" erkämpften sich im Herbst 1989 auch die Tschechen die Freiheit.

Die Entschlossenheit der DDR-Botschaftsflüchtlinge ermutigte viele Tschechen. Die zahllosen einfach am Straßenrand stehen gelassenen Trabis und Wartburgs waren für die Tschechen Sinnbild für das Ende der kommunistischen Macht.

Flüchtlinge willkommen - so dachten viel Tschechen

František Chaloupka ist keine Ausnahme: 1989 schlägt den DDR-Flüchtlingen in der Tschechoslowakei große Anteilnahme entgegen. Die Tschechen kennen Flüchtlingsschicksale - von beiden Seiten.

Bis zu eine Viertelmillion Tschechen und Slowaken gehen Schätzungen zufolge 1968 und 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in die Emigration - meist als Flüchtlinge. Umgekehrt ist Tschechien in den 90er-Jahren ein sicherer Hafen für mehr als 10.000 Flüchtlinge aus dem Jugoslawienkrieg, darunter viele Muslime, was damals praktisch unbemerkt blieb.

František Chaloupka steht vor dem Tor der deutschen Botschaft in Prag.
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Für ihn ist die aktuelle Flüchtlingspolitik eine Schande. "Auch wir sind geflüchtet", sagt der Prager Arzt Chaloupka über die Tschechen, der 1989 den DDR-Flüchtlingen auf dem Gelände der deutschen Botschaft half.

Kein Willkommen mehr für Geflüchtete

Spätestens seit 2015 ist von dieser Offenheit kaum noch etwas übrig. Mit der sogenannten Flüchtlingskrise hat das Land die Tür zugemacht. Am Anfang stand die Ablehnung verpflichtender Flüchtlingsquoten, gegen die sich vor allem die Visegrad-Gruppe aus Tschechien, Ungarn, Polen und der Slowakei stemmte.

Das Flüchtlingsthema bietet Stoff für emotionalisierte Politik: Die in der Bevölkerung vorhandene Furcht vor Islamismus und Vorbehalte gegen die angebliche Bevormundung durch Brüssel werden von Teilen der Politik angefacht und instrumentalisiert. Premierminister Andrej Babiš erklärte im Sommer 2018, er wolle "keinen einzigen" Migranten in Tschechien. Längst geht es um Symbole, nicht um Fakten.

Der tschechische Regierungschef Andrej Babis kommt zu den neuen Verhandlungen der Staats- und Regierungschefs in Brüssel an. | Bildquelle: REUTERS
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Der tschechische Premierminister Babiš: möglichst "kein einziger" Migrant in Tschechien.

"Das macht mich wütend"

Für den Chirugen Chaloupka ist das eine Schande. "Ich muss immer an eines denken. Auch wir sind geflüchtet. Tschechoslowaken sind 1968 nach Deutschland geflüchtet, nach Österreich und dann noch weiter. Überall hat man sich um uns gekümmert. Und heute diskutieren wir darüber, ob wir 25 Flüchtlinge aufnehmen können. Das macht mich wütend."

In Deutschland wurden im Jahr 2018 rund 186.000 Asylanträge registriert und knapp 76.000 positive Bescheide erteilt. Im achtfach kleineren Tschechien liegen die Zahlen unvergleichlich niedriger:

Vor allem Ukrainern und Bürgern der GUS-Nachfolgestaaten suchen hier um Schutz, 2018 gab es 155 positive Bescheide und 1702 Anträge. Das ist nicht einmal die Hälfte der 4000-köpfigen Menge, die vor 30 Jahren, am 30. September 1989, in der Hoffnung auf ein Leben der Freiheit im Garten der Prager Botschaft ausharrte.

30 Jahre Ausreise der DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft
tagesschau24 15:00 Uhr, 30.09.2019, Danko Handrick, ARD Prag

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. September 2019 um 23:25 Uhr.

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