Ex-Boeing-Manager Ed Pierson bei einer Anhörung im US-Kongress | Bildquelle: AFP

Ex-Manager sagt aus Chaos und ignorante Chefs bei Boeing

Stand: 12.12.2019 08:49 Uhr

Nach den beiden 737-Max-Abstürzen hat ein Ex-Boeing-Manager seinen früheren Arbeitgeber bei einer US-Kongressanhörung schwer belastet. Auch die Luftfahrtaufsicht FAA musste Stellung beziehen.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Der Verkehrsausschuss im Repräsentantenhaus hatte einen Zeugen mit viel Insider-Wissen eingeladen. Ed Pierson, ehemaliger Manager im Boeing-Werk Renton im Bundesstaat Washington und dort zuständig für die Produktionsabläufe. Und die seien in der Zeit, als die beiden Absturz-Maschinen 2018 gebaut wurden, chaotisch gewesen, so Pierson.

Boeing hatte zuvor die Produktionsrate von 47 auf 52 Flugzeuge im Monat hochgefahren. Die Folge, so der Whistleblower: Die Arbeitsabläufe gerieten aus dem Ruder. Teile kamen zu spät oder beschädigt. Die Kollegen, so Pierson, seien völlig überarbeitet und überfordert gewesen. Der ehemalige Navy-Soldat wandte sich an seinen Vorgesetzten und zwar schon Monate vor dem ersten Absturz. Er schlug ihm vor, die Produktion wenigstens kurz zu unterbrechen. Aus seiner Militärzeit wisse er, dass man dort Operationen aus weniger großen Sicherheitsbedenken abbreche. Doch sein Chef habe gesagt: "Das Militär muss ja auch keinen Profit machen."

Warnungen verpufft

Nach dem ersten 737-Max-Absturz in Indonesien habe er dann dem Boeing-Chef selbst geschrieben. Genau wie dem Vorstand. Doch seine Warnungen verpufften ungehört. Dabei, glaubt Pierson, liegt ein Zusammenhang zwischen den Abstürzen und den Produktionsproblemen nahe. Schließlich sei in beiden Fällen zuerst Sensoren an den Tragflächen ausgefallen. Und das bei völlig neuen Flugzeugen. Erst danach kam es zu Software-Problemen mit dem neuen Trimm-System.

Nach dem zweiten Absturz in Äthiopien wandte sich Pierson erneut an Boeing und dann an sämtliche Regulierungsbehörden, darunter auch die US-Luftfahrtbehörde FAA. Auch deren Chef Stephen Dickson war zur Anhörung als Zeuge vorgeladen und musste im Beisein vieler Angehöriger auf den Zuschauerbänken einräumen, dass er zwar mehrere Briefe von Pierson bekommen, aber seine Behörde dessen Vorwürfe noch nicht untersucht habe.

Ungenügende Kontrollen der FAA

Seit den Boeing-Abstürzen steht auch die US-Flugaufsichtsbehörde FAA massiv in der Kritik. Weil sie den Konzern nicht strikt genug überprüfte. So konnte Dickson auch nicht erklären, warum die Behörde der Boeing 737 Max nicht schon nach dem ersten Absturz die Flugerlaubnis entzog, obwohl der FAA schon im Dezember 2018 eine interne Analyse vorlag, wonach ohne Änderungen am Flugzeug mit weiteren Abstürzen zu rechnen sei. Und zwar mit einem tödlichen Crash alle zwei bis drei Jahre. 

Dickson, der die FAA erst sei dem Sommer leitet, weigerte sich auch, von Fehlern in der Behörde zu sprechen. Auch wenn die Ergebnisse natürlich nicht optimal gewesen seien.

Abstürze wohl vermeidbar gewesen

Doch der FAA-Chef, der früher selbst viele Jahre als Pilot gearbeitet hatte, versprach: Bevor die Boeing 737 Max wieder fliegen dürfe, würden alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sein. "Ich werde sie erst freigeben, wenn ich sie selbst geflogen bin", so Dickinson.

Wann das sein wird, ließ der FAA-Chef offen. Noch jedenfalls seien nicht alle Voraussetzungen erfüllt - vor allem bezüglich der Standards für die Pilotenweiterbildung. Nach Einschätzung vieler Experten hätten die Abstürze verhindert werden können, wenn die Piloten zuvor von möglichen Software-Problemen gewusst und genau für diesen Notfall trainiert hätten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Dezember 2019 um 10:41 Uhr in der Wirtschaft.

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