Demonstration für verschwundene Blogger in Pakistan | Bildquelle: AFP

Blogger in Pakistan Kritische Stimmen spurlos verschwunden

Stand: 15.01.2017 11:06 Uhr

In Pakistan sind seit Anfang Januar mindestens fünf Blogger und Menschenrechtsaktivisten verschwunden. Sie alle hatten den großen Einfluss des Militärs sowie die extreme Islamisierung im Land kritisiert.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Südostasien

Die Medien in Pakistan berichten vor allem über einen Fall: Professor Salman Haider. Seit Freitag vergangener Woche gilt er als vermisst. Der Blogger Haider war von der Universität nicht in sein Haus in Islamabad zurückgekehrt. Die Polizei fand sein leeres Auto am Straßenrand. Der Universitätsdozent und Dichter hatte sich in den sozialen Netzwerken für Aktivisten eingesetzt, die verschwunden waren.

In einem seiner Gedichte hat er sein jetziges Verschwinden schon fast prophezeit: "Jetzt sind die Freunde meiner Freunde verschwunden. Dann wird es wohl bald meine Freunde treffen, […] Und dann werde ich auf dem Foto sein, das mein Sohn küsst, wenn Journalisten ihn darum bitten."

Bisher fünf Aktivisten verschwunden

Demonstration für verschwundene Blogger in Pakistan | Bildquelle: AP
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Demonstranten fordern Aufklärung über das Schicksal der verschwundenen Blogger.

Zwei andere Internetaktivisten verschwanden in Lahore, im Westen Pakistans. Einer von ihnen war nur zu Besuch im Land, er lebt mittlerweile in den Niederlanden. Ein weiterer Blogger wurde im Osten des Landes verschleppt. Ein fünfter IT-Experte wurde vergangene Woche als vermisst gemeldet. Er leitet das Bündnis fortschrittlicher Bürger, das sich gegen Extremismus einsetzt.

Das Verschwinden der Aktivisten spalte das Land mehr denn je, sagt der politische Aktivist Jibran Nasir: "Das Thema wird überall kontrovers diskutiert, in den sozialen Netzwerken und den Medien. Viele verurteilen jetzt allerdings eher die Blogger  als deren Verschwinden. Die Sympathie für die Blogger scheint geringer zu werden."

Wachsender Druck gegen kritische Stimmen

Menschenrechtsorganisationen berichten, dass viele Aktivisten nun eingeschüchtert seien. Einige hätten ihre Twitter- und Facebook-Konten deaktiviert. Auch der Aktivist Jibran Nasir wird in den sozialen Medien harsch dafür kritisiert, dass er angebliche Gotteslästerer verteidige: "Ich sage doch, dass es okay ist, das ihnen der Prozess gemacht wird, wenn sie wirklich etwas Illegales gemacht haben sollten. Aber dann müssen sie ein faires Verfahren vor Gericht bekommen."

Einige wenige Menschen haben sich auf die Straße getraut um für die Freilassung der Aktivisten zu demonstrieren. Unter dem Hashtag "Bring die Aktivisten zurück" finden sich Karikaturen, Videos und Fotos. Auch hier wird die Kontroverse im Land gleich wieder sichtbar. Die einen halten das Verschwinden der Blogger für einen demokratischen Rechtsbruch, andere fragen, warum man diese Idioten zurückhaben wolle, nur um sie "in aller Öffentlichkeit zu erhängen".

Weitere Spaltung der Gesellschaft

Der Blogger Jibran Nasir sagt, nach diesen Vorfällen würde der Graben der pakistanischen Gesellschaft noch größer, zwischen denen, die in einem liberalen und säkularen Staat leben möchten und denen, die konservative und islamistische Kräfte wünschen: "Ich will gar nicht darüber befinden, wer diese Aktivisten sind. Eins steht doch fest: Sie sind Bürger Pakistans. Niemand kann das Gesetz hier selbst in die Hand nehmen. Sie verdienen eine fairen Prozess."

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sagt, das fast zeitgleiche Verschwinden der Aktivisten könne darauf hindeuten, dass die Regierung selbst darin verwickelt sei. Dies wies der pakistanische Innenminister vehement zurück. Bisher bekannte sich aber auch keine Gruppe dazu, die Aktivisten entführt zu haben.

Kritische Stimmen in Pakistan verschwunden
S. Diettrich, ARD Neu-Delhi
15.01.2017 11:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Januar 2017 um 13:00 Uhr.

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